Interview mit IN EXTREMO - Einfach auch mal Flagge zu zeigen


IN EXTREMO zählen zu den absoluten Größen im Bereich Mittelalter Metal und wo immer die Jungs hinkommen – Begeisterungsstürme sind ihnen sicher! Das liegt nicht nur an den tollen Pyro-Shows sondern in erster Linie an den mitreißenden Songs, die seit mehr als 20 Jahren aus den Kehlen und den Instrumenten der sieben Musiker erklingen. Im Zuge der aktuellen Tour zum neuen Album „Quid Pro Quo“ trafen wir Sänger Michael Robert Rhein (Das Letzte Einhorn) der uns allerlei Fragen rund um die Band und das neue Werk beantwortete.


Hallo! Ich freu mich sehr über die Gelegenheit, dich hier in Wien zu treffen und dir ein paar Fragen stellen zu können.
Letztes Jahr habt ihr 20 Jahre IN EXTREMO gefeiert! Hättet ihr euch am Anfang zu träumen gewagt, dass ihr jemals so erfolgreich werdet?



Ja! Quatsch, nein, damit rechnest du nicht. Wir haben eine Band gegründet und dann ging es irgendwann los und es ist stetig gewachsen. Das ist natürlich das Schönste was einem passieren kann. Eine Band gründest du nicht und sagst, jetzt möchte ich das und das erreichen. Man möchte schon etwas erreichen mit einer Band, alles andere wäre gelogen, aber dass es eben solche Ausmaße annimmt hätte ich nie gedacht.




Wie habt ihr eigentlich damals zusammengefunden?


Auf dem Schrottplatz haben wir uns alle getroffen! Nein! Wir haben auf Mittelalterlichen Märkten gespielt, und der eine kannte den, der andere kannte den. In kurzer Version – wir haben uns gesucht und gefunden und es hat einfach gepasst.


Wer hat sich eure Spitznamen ausgedacht?


Die hat man von Fans bekommen. Ich würde mich selbst nicht „Das Letzte Einhorn“ nennen, weil ich das albern finde, aber die Leute geben einem einfach Spitznamen, und für mich ist das okay. Ich finde es auch okay, wenn jemand zu mir „Das Letzte Einhorn“ sagt oder „Herr Einhorn“, das ist schon vorgekommen, aber da schmunzelt man darüber und dann ist es gut.


Einhörner sind momentan sehr in, allerdings in der flauschigen Version.


Einhörner sind in? (lacht) Geißböcke auch! Ich bin ein ganz normaler Typ und bin ziemlich in der Realität!


Es gibt ja einige Bands die schon viele Jahre Musik machen, aber die meisten haben viele Besetzungswechsel hinnehmen müssen. Bei euch gab es kaum welche. Woran liegt das?


Wir haben vor sechs Jahren den Schlagzeuger gewechselt, das war eine sehr schwere Entscheidung, weil ich wusste, wenn wir das tun verliere ich gleichzeitig einen Freund, und ich plaudere mal aus dem Nähkästchen, wenn wir das nicht gemacht hätten, wäre diese Band daran zerbrochen. Und ich bin froh, dass wird diesen Schritt gemacht haben. Punkt, fertig, aus!

Sagen wir so – wir sind eine richtige Band, wir sind wie eine Familie und wir kennen uns 21 Jahre. Das ist wie eine Ehe, da gibt es manchmal Krach und dann wird auf den Tisch gehauen. Am nächsten Tag gibt man sich die Hand, und das ist ganz normal und auch gesund. Ich wollte nie in einer Band spielen die alle vier Wochen wechselt, ich finde so etwas nicht schön, das kann sich gar nicht entwickeln.



Ihr habt ja zum Jubiläum mehreres veröffentlicht, unter anderem eine Box mit eurem Gesamtwerk. Wie gut hat sich die verkauft?


Es ist sowieso ein Phänomen, wir verkaufen echt gut CDs und auch mit der neuen sind wir nach vier Monaten noch immer in den Charts. Es ist irre! In Österreich auf #4. Du kaufst dir natürlich so Fan-Editionen. Ich bin ja auch Musik-Konsument, ich hab auch meine Bands, und da kauf ich es mir wenn was Besonderes rauskommt. Ich finde das auch normal, und es ist natürlich auch ein kleines Geschenk wenn alle Doppel-CDs als Vinyl-Album rauskommen. Auch wenn du es selber in der Hand hast, wir haben ja mittlerweile über 250 Songs gemacht und das ist schon ein Geschenk des Himmels. Mit den Verkaufszahlen haben wir echt Glück, wir haben über 1,5 Millionen Platten verkauft, das ist echt irre. Da kann ich mal zur Konkurrenz sagen – es gibt keine Konkurrenz! Bei den anderen Dudelsack-Kapellen beträgt der Verkauf eventuell 20.000 CDs und bei uns 1,5 Millionen. Und das muss man einfach mal klipp und klar sagen ohne das arrogant zu meinen. Ich hör das immer von außen „wir konkurrenzieren“ – bei mir geht das da rein und da raus. Man kennt den einen oder anderen Kollegen und das ist auch nett und fair, und das soll auch so sein, aber die meisten kenne ich gar nicht. Und die meisten haben auch noch nicht mal „Dankeschön“ gesagt, für das was wir vorgelegt haben.




>Was waren die Highlights im Jubiläumsjahr 2015?


Das Jubiläum war 2015 die Loreley! Das ist so klasse, du verkaufst die Loreley zwei Tage komplett aus mit á 13.000 Menschen pro Tag. Das ist ein Hammer! Auch das Ambiente da oben, die ganzen Bands die mitgespielt haben. Das sind wirklich Bands die wir mögen und die uns lange begleitet haben, und die haben alle sofort gesagt „da sind wir dabei!“ Es gab natürlich auch Bands die wir angefragt haben, die wollten dann irgendwie um ein paar Hundert Euro mit uns feilschen, und denen hab ich dann auch gesagt „Verpisst euch!“ und das meine ich auch ernst. Das macht man nicht, gerade bei so einem Jubiläum. Es war einfach eine runde Sache, es hat alles gestimmt, es gab einen Polizeireport, es gab bei 26.000 Menschen nur zwei Verletzungen – einer ist ohnmächtig geworden und hat sich den Kopf aufgeschlagen und einen Beinbruch. Es gab keine Schlägerei, keine Schubserei, gar nichts. Es war ein Mittelaltermarkt dabei, ich glaube, es war eines der friedlichsten Festivals das ich jemals erlebt habe. Und da kann man den ganzen Fans einfach nur DANKE sagen.


Euer letzter Auftritt am Rock in Vienna war ja verdammt kurz. War es schlimm für euch, diesen Auftritt abbrechen zu müssen?


Es ist immer schlimm! Es ist für die Veranstalter schlimm und auch für das Publikum. Da stehen tausende Leute vor der Bühne im Matsch und du freust dich natürlich auf den Auftritt. Aber da kam diese Windböe und wir sind das erste Mal in 21 Jahren von einer Bühne geflüchtet. Aber wir haben das Versprechen abgegeben, dass wir nächstes Jahr dabei sind und ich hoffe, dass wir da ein bisschen länger spielen können. Wir haben alle abgekotzt und natürlich macht das auch keinen Spaß, aber es ist ja auch gefährlich. Ich finde es vom Veranstalter völlig richtig, denn ein Toter muss nicht passieren, das hängt dir jahrelang im Nacken und das braucht kein Mensch. Wer so etwas nicht versteht, der hat nicht alle Latten am Zaun. Wir haben das einmal erlebt in Roskilde, wo die neun Toten waren, das Publikum hat das nicht ganz mitbekommen, nur der Pulk der drumherum stand. Ich wollte dort nicht auf die Bühne gehen, ich war fix und fertig, aber der Veranstalter hat gebrüllt „The Show must go on, ihr habt einen Vertrag und müsst spielen", und er hat im Nachhinein Recht gehabt. Wenn dort etwas abgesagt wird, wo 75.000 Leute auf dem Platz sind, dann bricht Panik aus. Ich kann mich an dieses Konzert nicht erinnern, das ist irgendwie an mir vorbeigegangen. Das war das Schlimmste was ich je erlebt habe.


Nun zu eurem neuen Album "Quid Pro Quo". Der Titel besagt, dass man für jede Leistung eine Gegenleistung erwarten kann. Sollen die Menschen nach diesem Leitsatz leben, oder werden sie dann permanent nur enttäuscht?


Leider, in der Realität werden sie enttäuscht. Es ist wie eine Freundschaft – man gibt und man nimmt. Aber wenn man sich heutzutage in der Welt umschaut ist es so, dass jeder nur noch nehmen will und keiner will mehr geben. Es gibt mittlerweile auch viele, die nicht mal mehr „Danke“ dazu sagen. Das weckt uns natürlich auf und das prangern wir auch mal an und machen da einen Song darüber. Wir sind ja keine Polit-Band, wir sind Unterhalter, aber wir haben dieses Mal das erste Mal zwei solche Sachen mit rein genommen um einfach auch mal Flagge zu zeigen. Egal was du machst, ob du den Fernseher anmachst oder die Zeitung aufschlägst, du wirst nur noch mit Dreck überschüttet. Man muss einfach auch mal zeigen wo man steht, das war ganz wichtig. Wir werden keine Polit-Band werden, aber das war jetzt einfach wichtig.


Welcher Song vom neuen Album ist live am besten angekommen?


Zweifellos „Sternhagelvoll“ (lacht)! Da haben wir uns ein Ei damit gelegt! Es hat natürlich auch mit der Trinkkultur zu tun, und ist natürlich mit einem Augenzwinkern zu sehen. Es ist wirklich Witz und ich glaube, dass der Text auch sehr zeitlos ist. Aber es gibt ja nicht nur diesen Song auf diesem Album.


„Störtebeker“ ist ja im Norden Deutschland fast so etwas wie ein Nationalheld! Warum habt ihr ihn in das Album aufgenommen?


Wir haben uns gefragt, warum wir den noch nie angefasst haben? Das liegt ja auf der Hand, aber dieses Mal hat es halt gepasst – alles zu seiner Zeit!


Manche Songs sind auch etwas kritisch und ernsthaft. Wollt ihr die Leute zum Nachdenken bringen?


Wie schon gesagt, wir sind Entertainer, man zeigt auch mal Flagge und dann ist es gut. Bei dem Song „Lieb Vaterland“, schau dich einmal um, überall ist Krieg, ziehen Kinder in den Krieg und werden manipuliert und töten ihren Nachbarn wegen der Religion. Da muss man dann auch einmal was sagen.




Es sind auch drei nicht deutschsprachige Titel drauf. Wie wählt ihr aus, in welcher Sprache ein Lied gesungen werden soll?


Das ist totaler Zufall. Dass wir einen Russischen Song machen wollten war schon immer klar. Diese Lyrics von dem Song, das ist ein uraltes Kosakenstück, das kennt jedes Kind, und als wir das in Russland gespielt haben, so weit ich Leute sehen konnte haben die Rotz und Wasser geheult. Das war einfach unglaublich. Das Lied hat auch so einen gewaltigen Tiefgang. Aber wir setzen uns nicht hin und sagen, wir wollen das und das machen. Das ergibt sich einfach so beim Produzieren. Wir sind solche Typen, wir schmeißen alles in einen Topf, da wird rumgewühlt und was rauskommt ist IN EXTREMO! Der eine macht mal ein bisschen mehr, der andere weniger. Basti, unser Gitarrist hat natürlich ganz viele Ideen und ist so ein kleines Produktions-Genie, und ist damit logischerweise eine starke Säule in der Band.


"Pikse Palve" ist in Estnisch - eine sehr schwierige Sprache.


Ja, in Alt-Estnisch, und wir wollen den heute das erste mal live spielen. Es ist natürlich so ein Mittelalter-Ding, das alle hören wollen. Es ist eigentlich ein Donner-Gebet, wir haben auch mal so Zaubersprüche gehabt, nur dass die Musik immer anders ausfällt. Das ist ein Donner-Gebet, wo die Leute dem Himmel danken, weil es geregnet hat und die Sonne scheint und die Ernte eingefahren werden kann. Ein heidnischer Glaube einfach.


Und wie lange hat es gedauert, bis du den Text intus hattest?


Bei 250 Songs wird es immer schwieriger, ich verweigere aber einen Teleprompter, wenn es mal so weit ist bleibe ich zu Hause. Aber ich hab einen Spickzettel, das gehört einfach dazu, und manchmal schau ich auch drauf. Ich lerne das auswendig, aber ich weiß natürlich was es bedeutet, sonst würde ich das auch nicht machen. Ich kann ja nicht irgendeinen Scheiß singen, das geht nicht. Alt-Estnisch ist eine uralte Sprache, die heute keiner mehr spricht, und die Aussprache mache ich so wie ich will.


Nun zu eurer Tour: Ihr werdet von HÄMATOM supportet. Wer hat das entschieden und kennt ihr die Jungs bereits länger?


Der Schlagzeuger von HÄMATOM ist auch Schlagzeuger bei FIDDLERS GREEN, das war der ausschlaggebende Punkt, das ist ein alter Freund von uns, ein Schlagzeug-Kollege von Specki, ein ganz netter Typ. Ich hab heute auch die anderen aus der Band kennengelernt. Klasse Leute, und entscheiden tun wir das immer so, man kriegt ja jede Menge Anfragen, aber wir haben das einfach mal so entschieden, und ich finde es auch gut. Warum sollen wir eine Dudelsack-Kapelle mitnehmen? Das machen wir ja selber, und ich finde auch diese Abwechslung ganz gut. Ich hab das mal ein bisschen verfolgt was die Jungs so machen. Ist halt Geschmackssache, aber die machen ihr Ding und sind mittlerweile auch ganz gut angesagt. Finde ich ganz gut!


Was mögt ihr lieber - so eine Tour oder Festivalauftritte?


Die Abwechslung macht es aus! Ich liebe alle beide, oder auch Club-Shows.


Welche Pläne habt ihr für die Zukunft?


Wir machen erst mal die Tour, wir werden im Dezember auf alle Fällen noch mal zwei Schiffskonzerte machen, unser eigenes – unplugged den ganzen Rhein runter. Und wir werden nächstes Jahr ganz, ganz viele Festivals spielen, ganz viel im Ausland auch sein. Das ist natürlich klasse! Wir werden Festivals in Russland spielen, riesen große Teile, wir werden Festivals in Deutschland spielen. Wir werden eine Woche lang auch wieder unsere Burgentour machen, und alles andere musst du mich danach fragen!




Und zum Abschluss ein paar Worte an eure Fans?


Man kann einfach nur danke sagen, ohne Schleimerei, und das reicht auch. Wir wissen das sehr zu schätzen und es ist echt ein Geschenk des Himmels, das muss man mal so sagen, dass uns die Sonne aus dem Arsch scheint!


Viele Dank und ich wünsche euch weiterhin viel Erfolg!




www.inextremo.de

Autor: Metalmama

Weitere Beiträge von Metalmama


Zurück

Beitrag vom 24.10.2016
War dieses Interview
interessant?

1 Stimme(n)
Durchschnitt: 7

Diesen Beitrag bewerten:
  
Diesen Beitrag per E - Mail verschicken:
An:
Von:
Kommentar: