Interview mit TOTENGEFLÜSTER - Ein Gesamtkunstwerk mehrerer Ebenen


Black Metal ist nach wie vor sehr beliebt und schon lange nicht mehr ein Monopol der Norweger. Auch in Deutschland zeigt sich dieses Genre sehr lebendig und Earshot hatte die Gelegenheit, der Baden-Württemberger Symphonic Black Metal Band TOTENGEFLÜSTER einige Fragen rund um das neue Album „Im Nebel Der Vergänglichkeit“ und sonstige Dinge des Lebens zu stellen, die uns sehr ausführlich beantwortet wurden.


Hallo! Freut mich die Möglichkeit zu haben, euch ein paar Fragen zu stellen. Möchtet ihr euch zuerst einmal den Lesern vorstellen?


Totleben: Hey, ich bin Totleben. Bei TOTENGEFLÜSTER bin ich auf der Bühne für die Gitarre zuständig. Hinter den Kulissen bin ich für das Artwork & die Produktion zuständig. Außerdem leite ich die Plattenfirma Pale Essence Music, bei der TOTENGEFLÜSTER unter Vertrag ist.




Frostbitten: Hallo, ich bin Frostbitten, Schlagzeuger von TOTENGEFLÜSTER. Ich plane und organisiere die Gigs und wirke zudem noch beim Songwriting mit. Neben TOTENGEFLÜSTER spiele ich noch Schlagzeug bei meiner zweiten Band UNLEASH THE FALLEN (Death Metal) wo wir derzeit an unserer zweiten EP arbeiten.


Narbengrund: Ich nenne mich Narbengrund Nihilis und bin zuständig für die Texte sowie den „Gesang“ bei TOTENGEFLÜSTER.


Wie ist eigentlich der Bandname entstanden?


Totleben: Ich würde sagen, als Narbengrund die ersten Lyrics zu unserem Erstling „Vom Seelensterben“ geschrieben hatte, suchten wir gemeinsam nach einem Namen, der diese Thematik recht gut einfassen kann.


Totengeflüster beschäftigt ja auch viele Leute, die um ihre Liebsten trauern. Wie steht ihr dazu?


Totleben: Der Tod ist ein fester, wenn nicht sogar der festeste Bestandteil jeglichen Lebens. Er ist ein Teil des Kreises, auf dem alles aufbaut. Ich finde, dass TOTENGEFLÜSTER eine Art „Reflektionsebene“ für diese „Mechanismen“ bietet. TOTENGEFLÜSTER beleuchtet verschiedene Sichtweisen auf diese Themen.


Narbengrund: Ich nehme mal an es geht um Séancen und dergleichen? Da wir nicht wissen was uns nach diesem Leben erwartet, kann man sich eigentlich wohl kaum über etwas in der Art lustig machen, zumindest nicht mehr als z.B. über Religionen an sich. Selbst wenn es sich bei diesen Aktivitäten um Aberglauben handeln sollte, so glaube ich, dass unser Unterbewusstsein durchaus das Potential dazu hätte, uns ohne unserem Mitwissen zu Antworten zu führen, was uns wiederum vielleicht etwas über den Verlust hinwegtrösten kann – also, ja, warum eigentlich nicht? Schon allein die schaurig schöne Atmosphäre die dabei entsteht ist doch Grund genug sich daran zu versuchen.


Euer neues Album heißt „Im Nebel Der Vergänglichkeit“! Ist es nicht gerade die Vergänglichkeit, die den meisten Menschen eine Heidenangst einjagt?


Totleben: Es kommt darauf an, wie man das Leben sieht. Ich bin der Überzeugung, dass wir eben unsere gewisse Zeit auf dieser Erde haben. Wenn jeder ewig leben würde, alles schon tausende Male erlebt hätte – wo wäre denn da noch der Reiz am Besonderen? Ich finde gerade durch die Vergänglichkeit werden die Dinge auch wertvoll, da sie nicht von Dauer sind. Man schätzt den Moment deutlich mehr, da er vielleicht nur einmal richtig da ist.


Narbengrund: Ohja! Gewiss doch! Und das macht doch auch die Faszination am Tod aus! Wir Menschen fürchten uns vor dem Ungewissen, weshalb wir auch ständig versuchen alles irgendwie zu erklären, sei es nun durch die Wissenschaft oder den Glauben. Zumindest am Tod sind wir bisher gescheitert und das macht ihn umso interessanter. „Im Nebel Der Vergänglichkeit“ steht im Übrigen für nichts anderes als das Leben in all seinen Fragwürdigkeiten und Möglichkeiten. Formlos und ungewiss ist es, bis auf den Umstand, dass es endet. Witzigerweise kann man Nebel auch so und ohne viel herum zu philosophieren in Leben umformen????


Mögt ihr die Lichtstimmung, die bei Nebel entsteht?


Totleben: Nebel hat etwas Geheimnisvolles – so wie das Leben auch geheimnisvoll ist. Man weiß nie genau wo hin es geht. So ist es mit der Band doch auch, dem Musizieren und dem Songwriting. Man hat zwar einen Boden unter den Füßen, aber ganz genau zu 100% wissen wo hin die Reise geht kann kaum jemand sagen. Im Nebel erkennt man oft nur schemenhaft was vor einem liegt, wenn man daran interessiert ist es zu entdecken muss man sich weiter darauf hin bewegen. Wenn ich einen Song schreibe oder ein neues Artwork beginne, habe ich oft auch nur schemenhaft eine grobe Vorstellung von dem, was es dann im Endeffekt wird.


Narbengrund: Selbstverständlich! Wir lieben sie! Und spätestens seit unserem Zweitling ist Nebel eigentlich fast schon obligatorisch für unsere Bühnenshow geworden…




Frostbitten: Da kann ich Totleben voll und ganz zustimmen. Des Weiteren finde ich erzeugt Nebel eine düstere, mystische Stimmung die gerade auch beim Songwriting einen manchmal inspirieren lässt.


Ihr verbindet auf dem Album sehr harte Klänge mit weichen oder opulenten Melodien wie etwa von Klavier oder Orgel. Wie wichtig sind euch diese extremen Gegensätze?


Totleben: Ich für mich sehe das gar nicht so als Gegensatz sondern eher als Komplement. Es vervollständigt den gesamten Klang. Durch den Einsatz gewisser Instrumente und Klänge werden musikalische Bilder erzeugt. Da ich ein recht visuell denkender Musiker bin verbinde ich diese Ebenen sehr gern. TOTENGEFLÜSTER sind meiner Meinung nach daher Geschichtenerzähler, die eben viele verschiedene Ausdrucksebenen verwenden um ihre Thematiken darzustellen.


Ein Track heißt „Styx“. Seid ihr Fans der griechischen Mythologie?


Totleben: Styx ist der Fluss der Toten. Er leitet irgendwo hin – in unserem Fall leitet er auf das Herzstück unseres zweiten Albums – zur Bandhymne „Totengeflüster“ hin.


Narbengrund: Glücklicherweise müsst ihr aber während dem Genuss unseres Albums keine Münzen an Charon zahlen damit es weiter geht.


Totleben: hehe :D


Ein weiterer Titel heißt „Verfall Und Siechtum“. Steht da ein persönliches Erlebnis dahinter?


Narbengrund: Ausnahmsweise mal nicht :-P In „Verfall Und Siechtum“ geht es um das Sterben, sowie den Kreislauf des Lebens. Was viele nämlich außer Acht lassen, ist dass der Tod notwendig für das Leben ist. Leben existiert immer nur auf Kosten anderer, egal ob es sich dabei nun um Tiere oder Pflanzen handelt. Leben zu weben hat seinen Preis. Dennoch sind wir Menschen Gevatter Tod gegenüber keineswegs dankbar: „doch niemand blickt die zarte Blüte, die jedem neuen Grabe sprießt“, weiter heißt es „sie spotten stets über des Schlafes Bruder, aus dessen Samen sie gezeugt“, um mal ein wenig des Songtextes zu zitieren. Alles was stirbt wird verwertet und früher oder später quasi in anderer Form wieder geboren – ein Konzept, dass wir schon seit einiger Zeit von Mutter Natur übernommen haben: Das Recycling. Eigentlich sollten wir also den Schnitter zu Tee und Keksen einladen, wenn er an die Tür klopft.


Besonders düster ist „Des Mondes Bleiche Kinder“. Mögt ihr das Mondlicht und was könnt ihr mir noch zu dem Track erzählen?


Narbengrund: Wer mag denn schon keinen Mondschein? Der Mond blendet nicht, bräunt nicht und ist nicht so unangenehm warm wie sein Pendant am Taghimmel. Auch wenn „Des Mondes Bleiche Kinder“ sich im ersten Moment vielleicht nicht so liest, ist es eigentlich ein sehr gesellschaftskritisches Stück: Es prangert die blinden Massen an, die einfach nicht ihren Verstand gebrauchen wollen und sich stattdessen von Dritten diktieren lassen, was sie zu tun und zu denken haben. Die Medien vergiften uns in dem sie uns bewusst die Bilder und Gedanken injizieren, die in unseren Hirnen wachsen sehen wollen und Informationen werden bewusst gefiltert und uns dann in feinen Häppchen zum Fraß vorgeworfen. Darin begründet sich wohl auch die Furcht vor jenen die „anders“ sind. Doch anstatt mit Angst und Hass, sollte man dem Ungewissen mit einer gesunden Portion Neugier begegnen!


Möchtet ihr allgemein noch etwas über die Entstehung des Albums erzählen?


Totleben: Es ist eben ein weiteres Werk, in das weiterhin sehr viel Mühe und unsere kompletten Erfahrungswerte gesteckt wurden. Ich selbst habe bei der Produktion dieses Albums weiter dazugelernt und konnte alle meine Ideen umsetzten, worüber ich sehr glücklich bin.


Frostbitten: Der ganze Entstehungsprozess war dies Mal sehr durchdacht und organisiert. Klar gab es auch Höhen und Tiefen, die gibt es immer, aber im Gesamten sind wir viel durchdachter an die Sache heran gegangen und wussten genau was wir wollten. Des Weiteren hatten wir keine Deadline, es ist einfach schön manche Songs bei Ihrem Reifeprozess zu beobachten und manche Songs haben einfach ihre Zeit gebraucht.


Wie lange habt ihr daran gearbeitet, und war da nur einer damit beschäftigt oder war das Teamwork?


Totleben: Ich für meinen Teil schrieb den musikalischen Teil von „Ein Spiegel der nur Lügen speit“ – unserem ersten Song auf der neuen Platte bereits als wir noch beim Vocal – Recording zu „Vom Seelensterben“ waren. Das müsste irgendwann im Winter 2012 gewesen sein. Die Hauptarbeit war aber ganz klar zwischen Anfang 2014 und Ende 2015. Da ich die meisten Songs komponiert und alles soweit vorproduziert habe lag die Hauptarbeit schon bei mir. Jedoch habe ich tatkräftige Unterstützung von Frostbitten und Narbengrund gehabt, welche als Supervisoren für meine Arbeit dienten. Auch die von mir geschriebenen „orientierungs-Drums“ wurden von Frostbitten fantastisch aufgefrischt.


Wo findet ihr eure Inspiration? Auf Friedhofstouren?


Totleben: Nein. Ich mag zwar alte, vor allem die englischen Friedhöfe, muss aber dazu sagen, dass die Inspiration für TOTENGEFLÜSTER weitaus großflächiger ist. Bei TOTENGEFLÜSTER handelt es sich stets um ein Gesamtkunstwerk mehrerer Ebenen. Sei es die Musikalische kann man da (fast) alles aus dem Bereich Black / Death / Goth / Industrial der 90er Jahre nennen, Visuell und was das Artwork betrifft von Surrealismus angefangen bei Dali, Giger, usw. bis hin zu Alan Lee (Herr der Ringe Konzeptkünstler), Joachim Luetke … Travis Smith … die Liste ist endlos. Ist das nicht schön, dass es so viele fantastische Künstler gibt, die mit ihren Werken begeistern? Natur – das ist natürlich auch eine große Inspiration um wieder auf den vorhin beschriebenen Kreislauf des Lebens zurück zu kommen.




Narbengrund: Was die Texte anbetrifft, so habe ich keine bestimmte aktive Inspirationsquelle, sie spiegeln einfach das wieder was ich denke und fühle.


Frostbitten: Filme und die Natur. Aber auch wenn ich Zuhause oder Live andere Bands erlebe da können schon auch Inspirationen zustande kommen, die man dann im TOTENGEFLÜSTER-Stil niederschreibt.


Stellenweise wäre eure Musik als Soundtrack für einen Horrorfilm geeignet. Mögt ihr solche Filme?


Totleben: Ja, definitiv. Aber sie müssen einen gewissen Anspruch haben. Ich finde, dass Horrorfilme eine gewisse Ehrlichkeit in ihren Geschichten enthalten sollten. Tue Schlechtes und dir wiederfährt auch Schlechtes – Ich muss sagen, dass ich ein großer Fan der „Tales from the Crypt“-Reihe bin. Klar, diese hat auch massige Elemente dabei, welche man eher bei Komödien findet –aber die Mischung macht’s!


Narbengrund: Das kommt darauf an… wenn Horror Angst macht (eigentlich müsste man meinen, dass das immer der Fall sei), dann sehr gerne. Wenn ein Film aber zu einer bloßen Splatter-Orgie ausartet, dann finde ich das einfach nur ziemlich langweilig.


Bisher gab es noch nicht so viele Live-Gigs von euch. Ändert sich das in naher Zukunft?


Totleben: Naja, wir waren nun zwei Mal in England und haben dieses Jahr mehr Konzerte gespielt als je zuvor. Dafür, dass wir alle noch nebenbei arbeiten müssen finde ich es sogar recht viel. Bisher haben wir stets gute Konzerte abgeliefert und hatten tolle Locations. Für mich zählt da ganz klar Qualität vor Quantität.


Narbengrund: Von mir aus kann sich das künftig gerne ändern.


Frostbitten: Für mich ist das LIVE spielen immer ein sehr wichtiger Punkt. Daher habe ich auch die Gig Planung und Organisation komplett auf mich genommen. Wir sind nun gerade dabei unsere Shows für 2018 zu planen, vor allem Festivals. Bleibt abzuwarten was sich nun ergibt.


Gibt es einen besonderen Ort wo ihr gerne einmal auftreten würdet?


Totleben: Ich spiele überall gern wo man uns schätzt und versteht in dem was wir tun. Klar, wäre super, mal ein einer verfallenen Burgruine mit passendem Ambiente zu spielen und dann dort eventuell eine DVD zu filmen, das wäre natürlich super!


Frostbitten: Ganz klar mal auf einem Schloss oder einer Burg mit einem schönen, düsteren Wald im Hintergrund, im besten Falle bei Vollmond (haha)


Würdet ihr auch gerne einmal nach Österreich kommen?


Totleben: Wir spielen am 13. Januar auf dem Julfest bei Lenzing!


Welche Pläne habt ihr für die Zukunft?


Totleben: Weiterhin in unserer Formation bleiben, dabei kreativ sein und gesund bleiben.


Narbengrund: Weiterentwicklung. In jedweder Hinsicht.


Frostbitten: Gute Songs/Alben schreiben, ich persönlich würde mich natürlich sehr freuen wenn es zu einer größeren Tour eines Tages kommen wird, viele Konzerte spielen, Spaß haben und gesund bleiben.


Und dann zum Abschluss noch einige Worte an unsere Leser?


Totleben: Vielen Dank euch für das Interview, bis bald! Horns up!


Frostbitten: Danke, dass ihr euch die Zeit genommen habt. Vielleicht sieht man sich ja mal vor der Bühne. Cheers!



www.facebook.com/totengefluester

Autor: Metalmama

Weitere Beiträge von Metalmama


Zurück

Beitrag vom 17.10.2017
War dieses Interview
interessant?

0 Stimmen
Diesen Beitrag bewerten:
  
Diesen Beitrag per E - Mail verschicken:
An:
Von:
Kommentar: