ISOLATION YEARS   SONIC DRIVE  
14.05.2003 @ Stadtwerkstatt

Konzertbeginn 22:00 ist überall auf den Plakaten zu lesen. Exakt um diese Zeit riskiere ich den ersten Blick zum Aufgang in die Halle. Ach ja, wie dumm von mir, ich denke immer in mitteleuropäischer Zeit. Wir sind ja schließlich in der Stadtwerkstatt, also auch nicht in der selben Zeitzone. Hier wird seit Menschen Gedenken immer erst eine Stunde später begonnen. Von energischen Forderungen seitens des Publikums, die eine Band zum Konzertbeginn zwingen, kann auch keine Rede sein. Es sind ja schließlich nur 25 Leute hier. Linzer Underground at it´s best.

Mit pünktlichst genau einer Stunde Verspätung machen sich dann SONIC DRIVE ans Werk. „Wir sind nicht die männlichen WHITE STRIPES!“ kriecht es aus den Boxen. Vom optischen Eindruck stimmt diese Aussage schon einmal nicht. Der Schlagzeuger ist männlich, hat aber, bewusst oder unbewusst, den Scheitel von Meg White aufgesetzt bekommen. Und spätestens nach 2 Songs muss man diese Aussage auch vom musikalischen Standpunkt her komplett in Frage stellen. Ihren Musikstil bezeichnen sie selbst als Power-Pop. Ein wenig Power kann man ihnen nicht absprechen, aber der Pop ist schon lange schlafen gegangen. Die Stakkato-Gitarrenattacken sind einfach zu schwerfällig für das Doppeldutzend Fußvolk vor der Bühne. Der Drummer ist ebenfalls bemüht sich ins Zeug zu legen, doch es gibt keinen gemeinsamen Nenner mit den Besuchern. Drei-, viermal gibt’s unschöne Seitenhiebe in Richtung Hauptband, welche übrigens aus Schweden kommt. „Durch unsere nordischen Freunde war es uns unmöglich, das Konzert pünktlich zu beginnen!“ Ein gemeinsames Bier wird’s wohl heute keines mehr geben. Nach 20 Minuten hat der Spuk dann ein Ende. Wille und Einsatz waren vorhanden, nicht mehr und nicht weniger.

In der Umbaupause wird ein Instrument nach dem anderen auf die Bühne gebracht bzw. geschoben. Geräumig ist hier nichts mehr. Unzählige Gitarren, 2 Keyboards, Saxophon und vieles mehr lassen auf ein Melancholiefeuerwerk hoffen. ISOLATION YEARS ist der Name unserer 6 „nordischen Freunde“. Hier noch als absoluter Geheimtipp unterwegs, stellen sie zuhause ihr Können regelmäßig bei größeren Events, wie zum Beispiel dem Hultsfred Festival (das heißt wirklich so!), unter Beweis. Auf Tour waren sie u.a. mit THE (INTERNATIONAL) NOISE CONSPIRACY und MOTORPSYCHO. „It´s Golden“ heißt ihr zweites Werk mit dem sie heute hier gastieren. Und wirklich, es scheint einiges „golden“ zu werden. Schön und harmonisch strukturierte Songs von Anfang an. Die Dominanz der Tasteninstrumente ist unüberhörbar. Sie tragen gemeinsam mit Gitarre und der Trauerstimme Jakob Nyströms die Lieder. Hier und da kommen ein paar Country-schübe. Stellenweise erinnern sie mich ein wenig an CALEXICO, nicht zuletzt durch Blasinstrumente und Tamburin. Es mangelt nie an Melodie und Idee, ja einige Songs haben sogar Ohrwurmcharakter. Die Livepräsentation hängt im Windschatten der professionellen Albumproduktion, für die sich Pelle Gunnerfeldt von FIRESIDE verantwortlich zeichnet. Ein Fan der härteren Sorte steht wie angewurzelt seit Beginn des Gigs vor dem Sänger, und sing Wort für Wort mit. In den hinteren Reihen wird vereinzelt zu tanzen begonnen. Auch die Stadtwerkstatt-Urgesteine, bekannt aus den verschiedensten Linzer Bands, heben ihre Becher hinter der Bar, und signalisieren ihre Genugtuung. Nach 2 Zugaben und gut einer Stunde Spielzeit ist um 00:50 Feierabend. Ganz großes Kino aus Schweden, vor leider wieder einmal viel zu wenig Leuten.


FOTOS + E-CARDS
www.isolationyears.com

matl
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Beitrag vom 20.05.2003
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