ROCK AM RING  
10.06.2003 @ Nürburgring

Rock am Ring war schon immer eine Reise Wert, für Metalfans der älteren Tage 2003 ganz besonders. Immerhin standen IRON MAIDEN und METALLICA auf der Bühne. Da nahmen die Fans sogar zwei brütend heiße Tage in Kauf, Sonnenbrand und Hitzestich. Immerhin hat sich die Campinganordnung verbessert in den vergangenen Jahren. Das Problem mit den sanitären bleibt trotz eines Verbesserungsversprechens von Seiten der Veranstalter. Dixies waren zwar da, aber noch lange nicht ausreichend. Im Gegensatz zum Southside-Festival sind bei Rock am Ring 2,50 Euro für das Duschen zu bezahlen. Und dann ist es noch warm Wasser – bei 30 Grad im Schatten.

Was für ein Auftritt. METALLICA sind zurück. Vier Jahre nach ihrem letzten Auftritt bei Rock am Ring gaben die Götter dieses Jahr wieder einmal eine Vorstellung. Da wurden sogar die Stehplätze Mangelware, als 75000 Fans dicht gedrängt dem Ereignis beiwohnten. Ein Glücksfall für diejenigen, die in den vorderen Reihen einen Platz gefunden hatten. Das Durchquetschen hatte sich gelohnt. Vor allem deshalb, weil das Konzert gespickt mit alten Klassikern war: „Creeping Death“, „For Whom The Bell Tolls“ und „Sanatorium“, um nur einige zu nennen. Gekonnt brachten die mittlerweile wieder vier Jungs die Lieder rüber, bis auf einige wenige kleine Ausrutscher Kirk Hammetts an der Gitarre. Aber die seien ihm locker verziehen. Lars Ulrich leistete wieder einzigartige Arbeit am Schlagzeug, trieb seine Mannen voran. Eine gute Ergänzung im Team ist Robert Trujillo. Das einstige Mitglied bei SUICIDAL TENDENCIES, INFECTIOUS GROOVES und bei Ozzy Osbourne ist der Ersatz für Jason Newsted. Er macht seine Sache exzellent. Ihm gehen die Bass-Parts wie eine Leichtigkeit von den Fingern. Auf dem neuesten Release „St. Anger“ ist er leider noch nicht zu hören, da er erst Ende Februar fest zur Band stieß. Auf dem neuesten METALLICA-Silberling hatte noch Bob Rock, der auch „St. Anger“ produzierte, den Bass eingespielt. Damit ist ein gutes Stichwort gegeben. Wer weiß, woran es lag, aber bei den neuesten Liedern der Band war die Stimmung im Publikum am schlechtesten. Dafür kann es nun zwei Gründe geben. Eigentlich erschien die Scheibe erst am 10. Juni, viele hatten sie noch nicht, obwohl größere Plattenläden wie Amazon schon Wochen vorher das gute Stück anpriesen. Oder aber, die Lieder haben nicht die Qualität, wie sie die Metallica-Fans haben wollen. Das wäre unverständlich, denn „St. Anger“ hat auch live das Zeug dazu, mit Stücken von „Kill Em All“ mitzuhalten. Es ist definitiv das härteste Material seit Jahren, das geradewegs in die Fresse haut – siehe und höre „Frantic“.
James Hetfield merkte man bei Rock am Ring an, dass es ihm wieder gut geht. Bei Touren und Auftritten hat er einen eigenen Mental-Trainer dabei, der ihm nach seiner Entziehungskur geistigen Ausgleich schaffen soll. Dem METALLICA-Frontmann machte es sichtlich Spaß, wieder auf der Bühne zu stehen. Seine stimmliche Agilität hat sich nicht merklich verändert, noch immer rotzt er dreckig die alten Stücke ins Mikro. Das hat gerockt. Stimmungstöter dagegen war „The Thing That Should Not Be“ von „Master Of Puppets“. Wieso METALLICA dieses Stück immer noch live spielen, bleibt ein Rätsel. Dagegen entzüdete die Band ein Feuerwerk in Ankündigung auf „One“ – der Höhepunkt der Show. Präzise arbeiteten die Gitarristen Hetfield und Hammett bei diesem Stück zusammen, und trieben sich gegenseitig nach oben. Bekanntlich endet das Lied in einem musikalischen Feuerwerk. Geniale Show, die die vier Amis boten. Minuten lang ließen sie sich anschließend von den Fans feiern, wie Fußballstars nach einem gewonnenen Spiel. Sie hatten es verdient.

Gleichfalls verdient hatten es IRON MAIDEN. Wenn es Sänger Bruce Dickinson schon einmal die Sprache verschlägt angesichts der Minuten lang johlenden und singenden Masse von 75000 Menschen vor ihm, dann ist das wohl für ihn Gold wert. Eigentlich wollte er das nächste Lied ansagen, doch das misslang. Nach langem Ausharren ging es dann weiter im Programm. Es ist erstaunlich, dass diese Band nie in einen Anachronismus verfällt, sondern immer auf aktueller Höhe bleibt. Ähnlich wie bei METALLICA wissen MAIDEN, dass es vor allem die alten Liedern sind, weswegen die Menschen ihretwegen anreisen. Mit viel neuem Material brauchten es die Engländer erst gar nicht versuchen. Welch grölende Masse, welche Hände in der Höhe, welch hüpfende Masse vor der Bühne bei „Bring Your Daughter To The Slaughter“, „Iron Maiden“ oder „Run To The Hills“. Es lässt sich kein bisschen Negatives an der Live-Musik mit drei Gitarren, am Gesang, an der Bühnenshow finden. Okay, ein riesiger Eddie ist nicht über die Bühne gewankt, dafür prangte das MAIDEN-Symbol an allen Ecken und Enden. Man muss sie einfach einmal im Leben gesehen haben.

Dass es in der Tonregie auch anders geht, durften leidlich EVANESENCE erfahren. Welche Drogen musste der Mann hinterm Mischpult konsumiert haben, um Sängerin Amy Lee vollends durch seine Unfähigkeit ins Abseits zu bugsieren. Sie ging unter in der Musik, selten ein Wort ihrer gewaltigen Stimme zu hören. Musikalisch präsentierten sich die Amerikaner mit dem für ihr Land untypischen Stil hervorragend. Und das, obwohl es das erste Konzert in Deutschland war. Es lag aber am Gitarristen. Er hat Talent, präzise seine Fertigkeiten auf die einzelnen Passagen abzustimmen. Jedes Riff passte haargenau, was man bei solchen Newcomer wie EVANESENCE sind nicht immer zu Gehör bekommt. Die Meute vor der Bühne wartete nur auf „Bring Me To Life“, dem Kracher der Band. Gast-Sänger Paul McCoy kam zwar von Band, aber was nützt’s, wenn der Gesang in den Boxen stecken bleibt?

Ein Geheimtipp bei Rock am Ring war Dave Gahan. Okay, manche werden nun sagen: „Wieso Geheimtipp? Gahan kennt man.“ Ja, als Frontmann von Depeche Mode. Aber weniger als Soloprojekt. Gahan begeisterte die Massen von Anfang an. Angefangen mit seiner aktuellen Single, über unbekannteres Material, aber vor allem mit DEPECHE-MODE-Liedern. Mehrere Stücke gab er davon mit seinen hervorragenden Musikern zum Besten. Darunter unter anderem „Never Let Me Down Again“, „A Question Of Time“ und „Personal Jesus“. Gahan trat unverständlicherweise auf der Alternastage auf. Seine Show wurde auf die Main Stage via Leinwand übertragen. Selbst dort ging es zu, als ob der charismatische Sänger auf diesen Brettern seine Show hinlegte. Ausnahmslos geil.

Da leider LINKIN PARK kurzfristig abgesagt hatten, konnte Marek Lieberberg als Veranstalter von Rock am Ring noch PLACEBO engagieren. Kein adäquater Ersatz. PLACEBO in Ehren, ihre Show war gut, aber ein richtiger Headliner waren sie nicht. Zu statisch präsentierten sich die Mannen um Sänger Brian Molko. Technisch einwandfrei spielten sie ihre Lieder runter, aber so richtige Hüpf- und Feierlaune kam nicht auf. Weniger beim neuen Material denn bei alten mit Liedern wie „Special K“. Schade eigentlich, etwas mehr Agilität würden den Jungs nicht schaden. Wieso sich aber der zweite Aushilfsgitarrist bei jedem Konzert im Eck verstecken muss, bleibt rätselhaft.

Obwohl es Rock am Ring heißt, tauchten die Menschenmassen für kurze Zeit in ein HipHop am Ring ab: Deichkind gab seine Show zum Besten. Eine durchaus witzige Vorstellung. Die Deutschen verstehen es, ihre Fans zu begeistern. Höhepunkt das Lied „Bon Voyage“, Stillstehen verboten. Ähnlich verhielt es sich bei STONE SOUR und NOTHINGFACE. Beide sehr angelehnt an SLIPKNOT. Bei Erst genannten zu verstehen, da SLIPKNOT-Mitglieder, bei Zweit genannten überraschend. Ziemlich geile Show zu ziemlich geiler Mucke.

Das Beste zum Schluss: WITHIN TEMPTATION. Die Holländer waren eine der ersten Bands, die bei Rock am Ring aufspielten. Was für eine Show. Sängerin Sharon den Adel bezauberte von der ersten Minute an, mit Beginn des Intros zu „Deceiver Of Fools“. Stimmgewaltig präsentierte sich die Frontfrau, entfaltete ihr Live-Können voll und ganz bei „Ice Queen“, dem Paradestück von WITHIN TEMPTATION. Der Sound ließ keine Wünsche offen, trotz einiger kleiner Verspieler der Herren an den Gitarren. Wer die Band bis dato noch nicht kannte, war ab dato begeistert. Es wird nicht mehr lange dauern, da werden die Holländer auf der Main Stage ihre Show abziehen dürfen.



Philipp
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Beitrag vom 11.06.2003
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