SOUTHSIDE FESTIVAL: RADIOHEAD   COLDPLAY   MASSIVE ATTACK   GUANO APES...  
30.06.2003 @ Neuhausen ob Eck

36 000 Besucher beim Southside-Festival, das war neuer Rekord für dieses Open Air in Neuhausen ob Eck bei Tuttlingen, nahe der deutschen Seite des Bodensees. Alles, was im Alternative-Bereich Rang und Namen hatte, war dort vertreten. Dass es dieses Festival einmal zu solch einer Größe schaffen wird, war vor vier Jahren nicht zu sagen. Damals ließen die Gästezahlen den musikalischen Reigen ins Wasser fallen. Doch die Beharrlichkeit des Veranstalters Scorpioconcerts aus Hamburg zahlte sich aus. Im Gegensatz zum parallel statt findenden Hurricane-Festival in Scheeßel, wo es fast nur regnete, brannte einem in Neuhausen die Sonne nur so ein Loch in die Birne. Bei der guten Musik aber bald alles vergessen.

Nicht die großen Namen zogen beim Southside-Festival. Es waren die eher unbekannteren Bands, die Aufmerksamkeit auf sich zogen. STARSAILOR gehörten dazu, die sympathische Combo aus Großbritannien. Sie könnten mal eine der großen Gruppen werden mit ihrem Stil zwischen SUEDE, R.E.M. und den alten RADIOHEAD. Klasse Musik, „Tie Up My Hands“ von der bisher einzigen CD „Love Is Here“ war der Höhepunkt dieses Auftritts. Viel Beifall, viel Begeisterung war vonseiten des Publikums zu spüren. Drum & Bass in reinster Perfektion entließen UNDERWORLD. Personelle Querelen machten sich glücklicherweise so gut wie überhaupt nicht bemerkbar, und ihrem 1996er Mega-Hit „Born Slippy“ (aus Danny Boyles Drogenepos „Trainspotting“) war der Kracher schlechthin mit einem schon fast körperlich angreifenden Beat.

Wenn der Name MASSIVE ATTACK in Zusammenhang mit anderen Bands fällt, dann meistens als Maßstab für Newcomer. Für die ist es dann eine Ehre, mit den Engländern rund um Robert Del Naja, besser bekannt als 3D, verglichen zu werden. 3D ist Programm bei Massive Attack, wie die Band eindrucksvoll beim Southside-Festival in Neuhausen ob Eck zeigte – nicht nur von der Person her gesehen, auch von der Bühnenshow. Als ein beständiges Projekt lässt sich
MASSIVE ATTACK nicht wirklich auszeichnen. Desöfteren war Funkstille.
Das erklärt auch, wieso die Band innerhalb von zwölf Jahren ihres Bestehens mit der aktuellen Scheibe „100th Window“ erst das vierte Album ablieferte, das europaweit auf den vordersten Plätzen landete. Dennoch: Die Band hat ihre Fans, weiß sie in eine Welt zwischen Elegie und Euphorie zu
entführen. 3D gewinnt für seine Shows immer wieder hervorragende Gastmusiker, die ihn am Mikrofon und an den Instrumenten zu unterstützen wissen. Im Hintergrund flimmert auf der Bühne eine 3D-Animation in cyberhafter Manier, wie auch die Musik MASSIVE ATTACKs beeinflusst ist.
Nicht nur bei den aktuellen Liedern wie „Future Proof“, sondern auch bei
Klassikern der „Blue Lines“ weiß die Band ihre Fans auf einem atmosphärisch-psychedelischen Klangteppich mit zu nehmen auf eine Reise durch die Welt der wummernden Elektronik, des abwechslungsreichen Spiels zwischen den Komponenten Gesang und Instrumental, die sich zu einer Symbiose musikalischer Gegensätze aus tiefem Dub Reggae, Elektronik, Rock,Pop und HipHop entwickelt. Krönender Abschluss für ein Festival.

Manche Bands haben es schwer, an alte Zeiten anzuknüpfen. Sie bringen eine gute Scheibe heraus, danach plätschert es so dahin, irgendwann landen sie aber wieder ein gutes Werk. Die Stunde der deutschen GUANO APES hatte 1999 mit „Proud like a god“ geschlagen. Noch heute gibt es im Publikum kein Halten, wenn „Open your eyes“ und „Lords of the boards“ erklingen. Alle darauf folgenden musikalischen Ergüsse konnten an das Meisterwerk nicht heran reichen. Es ist immer auch eine Frage des Stils, der auch bei GUANO APES nicht stagniert. Nach einigen experimentellen Stücken wie „Made in Japan“ und „Dödel up“ und dem Album „Don’t give me names“ kehrten die Göttinger erst kürzlich mit „Walking on a thin line“ und einer grandiosen Single „Don’t give me names“ auf die Bildfläche zurück. Sie wandern mehr in Richtung Alternative, gleichen Stellenweise ihren deutschen Konkurrenten DIE HAPPY. Der weitere Erfolg der Guano Apes wird sich weisen. Was ihre Bühnenshow betrifft, hatten die vier Musiker noch nie ein gutes Händchen in der Liederauswahl. GUANO APES schaffen es einfach nicht, die Dynamik auf ihren Platten auch live rüberzubringen. Zu monoton kommen ihre Stücke daher, abgesehen von den Reißern des ersten Albums. Da hilft auch keine Sängerin Sandra Nasic, die nur selten still steht. Sie und ihre Kollegen lassen die Spielfreude vermissen. Fazit: Das hat nur vereinzelt gerockt.
Der Gegenteil war in Neuhausen bei TURBONEGRO der Fall. Vor kurzem hatte sich die Band nach einer mehrjährigen Pause wieder zusammen gefunden, um Geld einzuspielen – offenes Wort des Sängers Hank Van Helvete. Die neue Scheibe „Scandinavian Leather“ soll dabei helfen. Eine knackige Mischung aus Punk und Rock’n’Roll geben sie zum Besten. Die Musiker treten gerne kostümiert und geschminkt auf. Alles nur Show, betonen sie, wie auch die obszöne Wortwahl auf der Bühne. Live haben sie nichts verlernt. Immer noch schmettern sie ihre Rocklieder ins Publikum auf eine rotzige Art und Weise. Da kümmert kein falscher Griff des Gitarristen Knut Schreiner auf seinem Instrument, oder dass Schlagzeuger Anders Gerner kurz mal aus dem Takt gerät. Es sind schon fast Hymnen, die die Band unter anderem mit „Turbonegro Must Be Destroyed“ geschaffen hat, ihre Fans hatten sie während der Sendepause vermisst. Fazit: Tuntenrock mit Punkcharakter.
Was aus einer Diplomarbeit werden kann, beweisen APOCALYPTICA. Die vier Finnen hatten nur vor, Stücke von METALLICA und anderen Bands auf ihren Celli nachzuspielen. Die positive Kritik erhob sie zu einer nun außergewöhnlichen Band, die sich gerne als Brücke zwischen Heavy Metal und Klassik bezeichnen lässt. Beim Southside-Festival hatte sie eine kleinere, aber feine Anhängerschaft. Erstklassig bewiesen Apocalyptica ihre Fähigkeiten an den klassischen Elementen. Ihre Fans sangen die Texte der gecoverten Stücke mit, von METALLICAs „For Whom The Bell Tolls“ über das eigene Stück „Faraway“ (im Original mit Linda Sundblad) oder Lambrettas „Bimbo“, in Neuhausen mit Original-Sängerin Linda. Klassik, die rockt.
Zurück auf den Bühnen zeigt sich wieder SKIN, die einstige Frontfrau von SKUNK ANANSIE. Beim Southside präsentierte sie zweierlei: Stücke ihrer Scheibe „Fleshwounds“ und Stücke aus der SKUNK ANANSIE-Zeit. Auch die aktuellen Lieder sind auf der gewaltigen Stimme Skins aufgebaut, sie lässt es an Dynamik auf der Bühne nicht vermissen. (Philipp)

Ein Festivalbericht wird wohl nie Anspruch auf Vollständigkeit erheben können, sondern immer nur das wiedergeben können, was der jeweilige Autor von dem von ihm Gesehenen am interessantesten gefunden hat.
Für mich, der ich auch die große Freude hatte, dem diesjährigen Southside beizuwohnen, waren das ohne Zweifel die folgenden Shows: der Sonntagnachmittag auf der Tent-Stage mit den Bands THE DATSUNS, THE HELLACOPTERS und FU MANCHU, der Auftritt der Alternative-Rocker LIVE auf der Hauptbühne am Samstag und der Headliner der Hauptbühne am Freitag: RADIOHEAD.

Am Sonntagnachmittag war die Zeltbühne nicht nur der einzige Platz, an dem es schattig war sondern überhaupt DER “place to be”. Statt den auf der Hauptbühne auftretenden SEEED, die in Deutschland um einiges populärer zu sein scheinen als hierzulande, und über die ich mich lieber nicht äußere, gab es hier Rock’n’Roll aus dem Bilderbuch.
THE DATSUNS und THE HELLACOPTERS sind Retro-Rock pur und allein schon outfittechnisch absolut sehenswert. Im direkten Vergleich gehen letztere als die Gewinner hervor aufgrund der besseren Songs und der besseren Bühnenshow. Allerdings haben die DATSUNS einen besseren Frontmann. Als dieser seinen Bass hinter der Bühne gelassen hatte und die HELLACOPTERS bei deren letzten Nummer mit seinem Gesang unterstützte, sah man dann aber wohl die perfekte Rockband fürs neue Jahrtausend: ein Bassist, der Understatement neu definiert, ein Schlagzeuger, der mit einem minimalistischen Drumset auskommt, ein Keyboarder, der aussieht wie seinerzeit Izzy von GUNS’N’ROSES und sonst eigentlich nicht viel macht, zwei Gitarristen, die posen wie Götter und ein Sänger, der stimmlich und von der Ausstrahlung her einfach nur lässig ist...
Ein epochaler Gig, SOWAS braucht die Welt!
Danach FU MANCHU, Wüstenrock passend zum Wetter. Obwohl der extrem übersteuerte Sound der beiden Armstrong-Plexiglas-Gitarren (anscheinend voll im Trend zur Zeit...) nicht so toll war und der Bassist ganz schön Probleme mit seinem Instrument hatte, ein netter Gig, der sowas wie das Minzblättchen nach dem Rotzrock-Festmahl darstellte.

Einen Tag davor hatte Ed Kowalzcyk, seines Zeichens Sänger von LIVE, auch das eine oder andere Problem mit dem Sound und erboste mich ein wenig, da er meinen LIVE-Fave “Lakini’s Juice” sehr frei interpretierte. Aber was soll’s... Verehrer der Band stellen sich bitte folgendes Bild vor: im Westen eine untergehende Sonne am glasklaren Himmel, der sich in ein zartes Orange verfärbt hat: Und vor diesem monumentalen Hintergrund ertönt “It Was An Evening I Shared With The Sun/To Find Out Where We Belong”. Geht’s besser? Die Antwort ist wohl klar...
Auch ansonsten war der LIVE-Gig trotz einiger Problemchen nicht zu verachten. Alle Hits waren da, auch einige neue Sachen vom aktuellen Album “Birds Of Pray”. Passt.

Was wohl der passende Abschluss des Festivals gewesen wäre und damit den Sonntag unerträglich schön gemacht hätte, war RADIOHEAD.
So gab’s bereits am Freitag ein Spektakel auf der Hauptbühne, das diese die nächsten drei Tage nicht mehr bieten konnte, und ein Meer aus Augenpaaren und offenen Mündern davor.
Thom Yorke als wandlungsfähiger Protagonist, die ihn flankierenden Gitarristen als Nebendarsteller, der Rest der Band mehr oder weniger als Statisten.
Songs aus allen Phasen der Band, kein “Creep”, dafür aber einiges von “Hail The Thief”, dem Album, das mein Umdenken in Sachen RADIOHEAD bewirkt hat.
Gedauert hat’s lang, nicht fragen wie lang, Kategorien wie Zeit und Raum sind beim Eintauchen ins RADIOHEAD-Universum fehl am Platz.
Gerne war Yorke alleine auf der Bühne, nervös zu “Idioteque” zappelnd, gefühlvoll “Exit Music” intonierend und inszenierend oder bei “Everything In Its Right Place”, bei dem der exzentrische Rotschopf mir - als er da so hinter seiner Orgel kauerte und sich selbst begleitete, den dumpfen Beat dazu im Hintergrund wie ein überlautes Fußstampfen - vorkam wie eine zeitgemäße Version des Elias aus “Schlafes Bruder”.
Ein erhabenes Erlebnis auf jeden Fall.(Kronos)

Bilder: Philipp Zieger



FOTOS + E-CARDS
www.southside.de

Philipp
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Beitrag vom 03.07.2003
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