FORESTGLADE FREITAG: TRICKY   GUANO APES   CARDIGANS   ROLLINS BAND   THE MIGHTY MIGHTY BOSSTONES   HEINZ   DANKO JONES   EMIL BULLS   EXILIA  
04.07.2003 @ Festivalgelände, Wiesen

Man will sich ja keinen Stress machen wenn man im Begriff ist einen dreitägigen Festival-Overkill anzugehen und so mussten die Auftritte EXILIAs und der EMIL BULLS ohne meine Anwesenheit auskommen, was den Bands sicher nichts ausgemacht hat, mir selber noch weniger, euch vielleicht schon, wenn ihr ein Review von einem dieser beiden Gigs erwartet habt. In diesem Fall tut es mir leid.
Im vorhinein bitte ich auch gleich auch noch um Entschuldigung, falls eine Band, über die ihr etwas lesen wolltet, hier nicht oder nur kurz erwähnt wird. Bei einem drei Tage dauernden Festival ist es einfach nicht möglich, alle Bands über sich ergehen zu lassen, ich hoffe ihr versteht das.
Mir ist es bei einem Festivalbericht lieber, die allgemeine Stimmung einzufangen und wiederzugeben, als jede Band einzeln und ins Detail gehend zu behandeln. Schließlich gehört zu einem Festival nicht nur das Sehen von x Bands sondern auch das Rundherum.

Für mich begann das diesjährige Forestglade mit DANKO JONES und damit gleich mit einer positiven Überraschung. “My Mother raised a devil child” ist das Motto des aus Georgia stammenden Testosteron-Monsters und dass er und seine zwei Mitstreiter auf der Bühne rocken können wie der Teufel bewies das Trio eindrucksvoll. Eine trotz aller Schnörkellosigkeit explosive Mischung aus dem Drive des Rock’n’Roll, dem Temperament alter Blueser wie HOWLIN’ WOLF oder MUDDY WATERS und dem hormongesteuerten Denken eines Bonobo-Schimpansen könnte der Band in Zukunft noch den Ruf eines erstklassigen Live-Spektakels liefern. So wirklich zum Kochen konnte Danko die noch relative wenigen anwesenden nicht bringen aber zumindest amüsant fanden’s alle. Einzigartige Schlabberzungen-Gestik, schwerst machoide Ansagen und Songtexte sowie energisches Posen wie hier sieht man sonst nicht oft und die Kamerafrau, die sich zwecks Nahaufnahme für die Leinwand, die den Hintergrund der Bühne zierte, vor Danko niederkniete, konnte froh sein, dass sie ungescholten wieder von dort wegkam. “Put some chocolate in your sugar” wurde nicht in die Tat umgesetzt...
Ein anderer Aspekt von Dankos Gedankenwelt zeigte sich dann noch in der Predigt, die er während der letzten Nummer hielt und die uns alle wissen ließ, dass er einmal auf dem höchsten Berg der Welt stehen wird mit den Köpfen von Cliff Burton und Paul Baloff, John Lee Hooker und Stevie Ray Vaughan, Joey Ramone und Joe Strummer, Ronnie Van Zandt und Phil Lynott in seinen Händen um von dieser Lage aus dann auf alle, die nicht geglaubt haben, dass er dort hinkommen würde, herabzuspucken. Beendet wurde der Reigen dann noch mit seinem persönlichen Lieblingsgebet “This heart gets stronger, this skin gets thicker, this voice gets louder” bei dem nach jeder Wiederholung eine Watsche, die er sich selbst gab, das Amen bildete.
In drei Jahren hat DANKO JONES entweder Robbie Williams als der Welt größter Entertainer überholt oder ist bei einschlägigen Seiten unter “Interracial” zu finden...

Weiter ging’s dann mit HEINZ aus Wien, die neben dem eben gesehenen nur blass wirken konnten mit ihren Liedern über Fußball und warum sie so arm sind... Zeit für’s erste Bier, irgendwas von wegen “Abschied von Gitarrist Lilo” kam mir am Weg zur Gastro-Halle noch zu Ohren.

In der Gastro-Halle bekam ich mit einem Bon dann das erste von vielen Bieren für drei Euro, ein Preis der angemessen erscheint. Zu essen gab es das wesentlichste, für drei Tage war Abwechslung genug dabei, allerdings weiß ich nicht, ob Vegetarier das auch behaupten können. Verglichen mit den schon fast paradiesischen Zuständen bei den Essenständen am Southside, die eine schier unglaubliche Vielfalt boten, war das hier nicht so toll, vor allem blieb man bei der angebotenen Küche recht heimisch, Pizza und Kebab waren das exotischste, an ägyptisch, Thai, indisch oder gar Ayurveda-Küche gar nicht zu denken.
An dieser Stelle möchte ich noch die Damen bei den Bonkassen erwähnen, die - das änderte sich während des gesamten Festivals nie- äußerst zügig und dabei aber immer freundlich arbeiteten.

Mit dem Bier schlenderte ich dann noch durch die diversen Geschäfte, die den üblichen Kram anboten, sprich T-Shirts, Schmuck, Ethnozeugs und so weiter. Am nettesten fand ich dabei den Stand mit den Instrumenten, was auch sonst...

Womit wir wieder bei der Musik wären. THE MIGHTY MIGHTY BOSSTONES stiegen als nächste auf die Bühne und ihr Ska/Punk konnte schon eine ganze Menge Leute zu exzessiver Bewegung motivieren. Vielmehr kann ich zu dem Septett nicht sagen, außer dass ich den Eindruck hatte, es gefiel sowohl Band als auch Publikum.

ROLLINS BAND spielte anschließend BLACK FLAG-Songs, was ich anfangs bedauerte. Immerhin hat diese Band auf ihren Alben so einige Perlen der äußerst schlauen und eigenständigen Rockmusik verewigt und diese wären auch live sicher nicht zu verachten. Stattdessen spielten sie nun alte Hardcore-Hadern der Ex-Band des Chefs... mässig interessant.
Aber weit gefehlt: denn die Band rund um Frontklotz Henry Rollins spielte das BLACK FLAG-Material auf ihre eigene, fast schon virtuose Art. Mr. Rollins, der anscheinend nicht mehr nur mit kurzer Hose bekleidet aufzutreten pflegt sondern sich in enge schwarze Jeans und eine eben solches T-Shirt als Bühnenoutfit zwängt, hat die Band dabei so gut im Griff, dass er sie quasi dirigiert und auch mal unterbricht, um sie schnell “Gimme Gimme” anstimmen zu lassen, das sich jemand im Publikum gewünscht hatte.
Während die Musiker über die Bühne wirbeln, steht Eisen-Henry wie angewurzelt zwischen (!) seinen Monitor-Boxen den ganzen Gig in ein und derselben Pose, gestikuliert dabei mit den Händen, wirft den Kopf umher und schnaubt seinen Teil ins Mikro. Zwischen den Songs kann man eigentlich nicht von Pausen sprechen, viel eher geht am Ende des einen Songs der Chef nach hinten, nimmt einen Schluck Mineralwasser, gibt dem Drummer ein Zeichen und während dieser die nächste Nummer einzählt, geht der Meister an seinen Platz zurück. Einzig in der Mitte des Sets lässt uns Rollins wissen, dass er Amerikaner ist, dieser Fakt ihm leid tue, denn sein Präsident “wants to kill the entire world” und nach der letzten Nummer nuschelt er noch einmal ins Mikro, entschuldigt sich für die aktuelle Popmusik.
Ein Gig wie ein Tornado von einer ebensolchen Band, erst am nächsten Tag ist mir so richtig bewusst geworden, was ich da erleben durfte.

Als herber Kontrast dann die CARDIGANS.
Zuerst bekam man das aufwendige Bühnenbild zu sehen, das aus Lustern und einem riesigen roten Wandteppich bestand. Dann natürlich auch die Band, die neuerdings aus sechs Leuten besteht. Eine junge Dame unterstützt Nina Persson und ihre vier Mannen mit ihrem Gesang, Gitarre- und Keyboardspiel.
Solang der rote Wandteppich den Hintergrund zierte, konnte mich die Band nicht so wirklich begeistern, zu wenig gab es vom aktuellen Album “Long gone before daylight” und zu viel von den Alben davor. Ja, OK, die Mundharmonikaeinlage von Frontfrau Nina, die in einem Gürtel gleich mehrere dieser Instrumente eingesteckt hatte, war recht nett, aber sonst...
Dann fiel aber der rote Stoff zugunsten eines in weiß grünem Retro-Tapetenmuster gehaltenen und es ging so richtig los, zumindest kam es mir so vor, als wären nicht nur die Nummern besser, sondern die Band würde auch ein wenig auftauen ( bei den “hohen“ Temperaturen, über die sich Nina wunderte, schließlich sei Österreich ja ein Schifahrland und da wundert es eine Schwedin anscheinend, dass es hier auch hochsommerliche 20 Grad haben kann...).
“Lovefool”, eine der Nummern der CARDIGANS, die jeder kennt, wurde soweit ich mich erinnern kann, auch vor diesem Hintergrund gespielt, oder war’s “Erase Rewind”? Auf jeden Fall wurden beide vorgetragen und vor einem ganz schwarzen Hintergrund gab es dann eine interessante Country-Balladen-Version der BLACK SABBATH-Nummer “Changes”, eine Nummer, an die neuere Ozzy-Balladen einfach nicht herankommen können. Weil die akustische Gitarre schon einmal ausgepackt war, machte man gleich mit der ersten Singleauskopplung des aktuellen Releases weiter (“What it’s worth”). Überhaupt: Gitarren. Gitarrist Peter Svensson, berühmt-berüchtigter Soundperfektionist, wechselte nach so gut wie jedem Song das Instrument und dabei gab es dann so einige Schätze zu sehen.
Den Abschluss des Konzertes bildete dann natürlich “Favorite Game”, bei dem noch einmal Sterne auf dem schwarzen Hintergrund aufleuchteten und der Luster rotieren durfte und das Publikum schon einmal so ein bisschen auszuckte...

Da der Tourbus TRICKYs es nicht rechtzeitig nach Wiesen geschafft hatte, durften als nächste die GUANO APES ran. Die deutsche Band bot natürlich ein Hitprogramm sondergleichen, das nicht nur die Beinpaare vor der Bühne sondern auch die darauf zum Hüpfen animierte. Die sportlichste Band des Abends, dementsprechend wurde auch mit “Lords Of The Boards” Schluss gemacht und der Drummer inszenierte dann noch einen Rückwärtssalto von seinem Set aus.
Zum Glück hat Sandra Nasic als Antwort auf die “Ausziehen! Ausziehen!”-Chöre nicht wieder ihr Mikrophon mit anderen 19 Zentimeter langen “Geräten” verglichen wie zwei Wochen davor am Southside-Festival, denn sonst hätten wir sie wohl oder übel an den inzwischen sicher sabbernd hinter den Bühne liegenden DANKO JONES verweisen müssen....

Spät aber doch kam dann TRICKY samt Band auf die Bühne und obwohl er sich anfangs nicht entscheiden konnte, ob er die Jacke, nach zwei Nummern dann das T-Shirt, anlassen sollte oder nicht, sah und siegte auch er.
Ganz auf lässig rauchte er eine nach der anderen, wobei ich mich fragen muss, was das eigentlich war, Rauchentwicklung verursachten die Dinger, das war ja nicht normal...
Weniger lässig hatte er ständig Probleme mit seinem Schulterhafter, denn er auf keinen Fall ablegen wollte, und als dieser zum Problem bei seiner manischen Performance wurde, hielt er ihn eben in der Hand.
“Manische Performance” trifft es auf jeden Fall gut, denn TRICKY war der Schamane, seine Band nur die Ausstattung, die für das Ritual nötig ist. Die Sängerin sang zwar dann und wann in ihr Mikro, das auch ganz gut, genauso wie die vierköpfige Band es hervorragend verstand, den nötigen musikalischen Background zu liefern, doch TRICKY war für sie der Dirigent und für das Publikum der Entertainer.
Er murmelte, schnaubte, kreischte und tanzte sich in Extase und konnte dabei noch immer die perfekt gehorchende Band nach seinen Vorstellungen durch das Set führen. Manchmal hieß das, dass mitten im Lied völlig unmotiviert eine andere Nummer angestimmt wurde ohne dass das holprig klang.
Respekt.
Neben diesem ganzen exzessiven Lärm- und Tanzritual stand Goldkehlchen Constanza und wirkte mit ihren eher zurückhaltenden Bewegungen etwas seltsam.
Man stelle sich das ganze noch in eine effektive, in dunkelblau/violett gehaltene Lichtshow eingehüllt vor und fertig ist das Trip Hop-Erlebnis des Jahres neben dem MASSIVE ATTACK mit ihrem aufwendigem Bühnenspektakel reichlich alt aussehen.


www.wiesen.at

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Beitrag vom 11.07.2003
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