ROCK AM SEE   METALLICA   PLACEBO   ALIEN ANT FARM...  
18.08.2003 @ Bodenseestadion, Konstanz

Dramatische Szenen spielten sich am Samstag bei Rock am See in Konstanz ab. Zu Beginn des METALLICA-Auftritts drängten die über 25000 Fans gegen die nachgebenden Absperrgitter zur Bühne hin. Ordner und Polizei verhinderten Schlimmeres, Verletzte gab es keine. Dennoch geht Rock am See in die Geschichte der harmonischen Festivals mit hochkarätigem Programm ein.
Fast konnte man meinen, ein „G-8“-Gipfel tage im Konstanzer Bodenseestadion: Selbst auf den Gebäudedächern im „Backstage“-Bereich standen Männer vom Sicherheitsdienst, als die Musiker von METALLICA kurz vor ihrem Auftritt noch die letzten Interviews gaben. Zu wahren Superstars des Heavy Metal avancierte das Quartett aus Kalifornien schon vor Jahren: zu Beginn der Neunziger, als harte Klänge aller Art urplötzlich den bis dahin dominierenden Synthie-Pop aus den Hitparaden fegten und, unter anderem, das Metal-Genre aus seiner Nischen-Existenz befreiten. Rund 15 Millionen LPs, CDs und Kassetten verkauften Metallica weltweit von ihrem so genannten „Schwarzen Album“ (1991) und die daraus ausgekoppelten Singles „Enter Sandman“, „The Unforgiven“ und „Nothing Else Matters“ belegten monatelang Spitzenplätze in den internationalen Charts.
Wie ungeheuer populär die Band ist, zeigte nicht nur der Umstand, dass das
diesjährige „Rock-am-See“-Festival in Rekordzeit ausverkauft war, sondern
auch ein Vorfall zu Beginn des Konzerts, der zu einer längeren Verzögerung führte: Unter dem Druck von Tausenden von Fans, die ihren Idolen so nahe wie möglich sein wollten, zerbrach ein Absperrgitter direkt vor der Bühne – just in dem Moment, als das Konzert-Intro (ein Soundtrack-Exzerpt vom Filmmusikspezialisten Ennio Morricone) aus der gewaltigen Anlage schallte. Erst nach etlichen Minuten gelang es den Sicherheitskräften, die Stadionbesucher dazu zu bewegen, wieder etwas zurückzuweichen, um niemanden zu gefährden. Die Musiker ihrerseits reagierten routiniert und professionell: Anstatt das Intro zu wiederholen, stiegen sie gleich ins reguläre Set ein, mit „Battery“, dem Eröffnungstrack des legendären 86er Albums „Master Of Puppets“.Schon nach wenigen Songs wurde klar, dass James Hetfield, Lars Ulrich & Co. an diesem Abend nicht im Traum daran dachten, ausschließlich ihre Hits abzunudeln: Hauptsächlich Stücke aus den (in den 80er Jahren erschienen) ersten vier Alben der Band gaben sie in der ersten Hälfte des Konzerts zum Besten: knüppelharte Gitarrenriff-Orgien wie „Harvester Of Sorrow“ oder „For Whom The Bell Tolls“, aber auch sinistre Balladen wie etwa „Welcome Home (Sanitarium)“. In bestechender Form präsentierten sich die vier Kalifornier – darunter Robert Trujillo, der neue Mann am Bass, der den zu VOIVOD abgewanderten Jason Newsted ersetzt hat – und ihrem Ruf, eine überragende Live-Combo zu sein, machten sie alle Ehre.
Von „St. Anger“, dem aktuellen Album, spielten sie nur zwei Songs, dafür aber jede Menge Klassiker aus den frühen Speed- und Thrash-Metal-Tagen („Fight Fire With Fire“, „No Remorse“) und diverse Exzerpte aus oben erwähntem „Black Album“. Ein machtvoller Bass ließ das Bodenseestadion erbeben, als Hetfield & Co. „Sad But True“ anstimmten und ein mehrtausendköpfiger Chor stimmte in den Refrain von „Seek And Destroy“ ein, seit vielen Jahren ein fester Bestandteil des Live-Repertoires der Band.
Apropos Repertoire: Ein METALLICA-Konzert ohne „One“ ist schlechterdings unvorstellbar und so erstaunte es wohl niemanden, dass dieses Stück den Auftakt zu einem längeren Zugabenteil bildete. Ein Weltkrieg-II-Ambiente mit enorm viel Feuer, Rauch und Explosionen auf der Bühne versinnbildlichte dabei die textliche Aussage des Songs, die im Wesentlichen davon handelt, wie erbärmlich es ist, in einem x-beliebigen Krieg zu verrecken (und die amerikanischen Soldaten, die, nach Presseberichten, sich einen Spaß daraus machen, ihre irakischen Kriegsgefangenen mit „Enter Sandman“ zu malträtieren, sind entweder ihrer Muttersprache nur sehr unvollkommen mächtig oder haben eben noch nie "...And Justice For All"-Album, von dem "One" stammt, gehört). „Nothing Else Matters“, den (kommerziell) größten Single-Erfolg der Band, brachten die vier Kalifornier ebenfalls, in einer seltsamerweise hart an der Grenze zur Selbst-Persiflage angesiedelten Version und nur auf „Fade To Black“ mussten die über 25000 Fans im Bodenseestadion verzichten. Letzteres ist allerdings schon eine bittere Pille: Den vielleicht besten Song, den sie je geschrieben haben, strichen Hetfield & Co. von ihrer Set-Liste – aber man kann ja nicht immer alles haben in diesem Leben.
Vergleicht man die Musik, die während des Soundchecks vor Beginn des
METALLICA-Auftritts vom Band tönte – „klassischer“ Hardrock von DEEP PURPLE, BLACK SABBATH und AC/DC – mit dem, was anschließend live zu hören war, wird klar, wie sehr das Quartett aus Los Angeles in den letzten zwanzig Jahren das Metal-Genre revolutioniert hat.
An und für sich sind die englischen PLACEBO eine phantastische Liveband – wenn die äußeren Bedingungen stimmen. Bei diversen anderen Festivals in den letzten Jahren fungierten sie als Headliner – im Bodenseestadion mussten sie hingegen diese Rolle den Metal-Heroen aus Kalifornien überlassen und vielleicht lag es daran, dass sie ihren Set einen Tick zu routiniert abspulten, dass er mehr wie eine Pflichtveranstaltung als eine Kür wirkte. Schräger Alternativ-Gitarrenrock mit laszivem Gesang ist allerdings, man weiß es, auch nicht unbedingt das, was den durchschnittlichen METALLICA-Gefolgsmann zu ungestümen Begeisterungsausbrüchen animiert.
Sei’s drum: Beinharte Placebo-Fans kamen durchaus auf ihre Kosten. Einen schönen, repräsentativen Querschnitt durch ihr bisheriges Repertoire bot die Truppe um den charismatischen Frontmann Brian Molko, mit leichter Betonung auf dem aktuellen Album „Sleeping With Ghosts“. Sehr druckvoll und mit viel Power kamen „The Bitter End“, „This Picture“ und „Special Needs“ daher, die letzten drei Singles und davon, dass Molko ein ausgezeichneter Sänger ist, dessen unverwechselbare Stimme auch von dem besten Heimstereo-Equipment nur unvollständig wiedergegeben wird, konnte sich jeder im Stadion überzeugen. Leichte Anklänge an SUEDE, die Brüder im Geiste in Sachen glamourösem Dramatik-Pop, störten sicherlich niemanden und als Molko und seine Truppe „Every You Every Me“ – ihren sicherlich bekanntesten Song – anstimmten, mit seinen hypnotischen Bassläufen und dem rasiermesserscharfen Gitarrenintro, wippte sogar der eine oder andere hundertfünfzigprozentige METALLICA-Jünger verschämt mit dem linken Fuß mit. (Norbert Faulhaber)


Den Anfang machte aber eine deutsche Band, die im Alternative-Bereich
nicht weg zu denken ist: DIE HAPPY. Sängerin Marta Jandová weiß es hervorragend, das Publikum ins Geschehen mit einzubeziehen, es an ihrer Show teilhaben zu lassen. Die gebürtige Tschechin verzaubert die Fans mit ihrem unverkennbaren Charme und ihrem ungezügelten Temperament.
Das wirkt sich auf die Musik aus. Es war aber weniger das am Montag neu erschienene Album „The Weight Of The Circumstances“, sondern eher die schnellen Stücke des Debüts „SuperSonic Speed“, die zu überzeugen wussten. Das gleichnamige Stück und „Like a flower“ offenbarten die gesamte Dynamik, die in der Band steckt. Enttäuschend gegenüber dem Konzert vor zwei Jahren bei Rock am See waren ALIEN ANT FARM. Die Kalifornier verstanden es nicht, ihren melodischen Alternative-Metal, in der Mischung aus Power-Punk und Nu Metal, der Alben annähernd authentisch wiederzugeben. Das mag am neueren Material liegen, das sich in der Eingängigkeit vom älteren negativ abhebt. Einzig der Hit „Smooth Criminal“ vom Album "Anthology" begeisterte das Publikum vollends.
Provokant, widerspenstig, einfach gegen alles – so präsentierten sich ANTI FLAG Flag. „Fuck Facism, Fuck Racism, Fuck George Bush“, damit begann die Band ihr Konzert und überzeugte auch diejenigen, die bis dato noch nicht mit den Amerikanern in hörbaren Kontakt gekommen waren. Es ist keine ausgeklügelte und komplexe Musik, die ANTI FLAG mit ihrem Skatepunk auf die Zuhörer loslassen. Die einfach strukturierten Melodielinien aus simplen Riffs, gespickt mit politischen und gesellschaftskritischen Texten macht ihre Lieder aber zu Ohrwürmern, lassen nicht mehr los. Rock vom Feinsten.
Dass Besetzungswechsel nicht nachteilig sein müssen, beweisen LAGWAGON. Durch diesen Umstand entwickelten die fünf Musiker aus San Francisco ihren verwaschenen Punkrock mit Hardcore- und Popeinflüssen stetig weiter. Stellenweise erinnern sie an BAD RELIGION. Im Gegensatz zu den
großen „Brüdern“ wissen sie durch ihre Soli Abwechslung in Spiel zu bringen.
Zurück sind SUM 41. Mit ihrem aktuellen Album „Does This Look Infected?“ haben sie nach dem Megaerfolg „All Killer No Filler“ wieder den großen Wurf gelandet. Deryck Whibley versteht es, dem Publikum seine Weltanschauung, bestehend aus Skateboards, Frauen und Parties, dem Publikum fast sprichwörtlich daher zu rotzen. Gelungener Auftritt - auch wenn bei Rock am See eine Punkband
weniger nicht geschadet hätte. (Philipp Zieger)

FOTOS + E-CARDS von:
[ ROCK AM SEE METALLICA, PLACEBO, ALIEN ANT FARM... ]
[ METALLICA @ FREQUENCY 2003 ]
[ FREQUENCY (DO. + FR., OHNE METALLICA) ]
www.rock-am-see.de

Philipp
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Beitrag vom 19.08.2003
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