A PERFECT CIRCLE   MELISSA AUF DER MAUR  
27.01.2004 @ Gasometer

„Auf der Mauer sitzt `ne Wanze…“ und auf die Bühne kam `ne Schlampe… erlaub’ ich mir jetzt einmal zu sagen, schließlich bezeichneten sich die Riot Grrrls aus MELISSA AUF DER MAURs ehemaliger Band HOLE gerne als solche beziehungsweise tat das die dortige Chefin, Über-Bitch COURTNEY LOVE. Aus dem Schatten der Solipsistin Love hat sich Melissa nun schon seit geraumer Zeit rausgewagt und ich erlaube mir hier gleich noch was, nämlich eine Prognose: die aktuellen Veröffentlichungen der beiden werden in einem harten Konkurrenzkampf stehen, denn von Courtney erwartet man sich viel und was Melissa bietet (musikalisch mein ich jetzt) ist auch nicht gerade das Schlechteste.
Fangen wir noch einmal an: „Auf der Mauer sitzt `ne Wanze…“ tönte es aus den Boxen als MELISSA AUF DER MAUR samt vierköpfiger Backgroundkombo die Bühne betrat um Ärsche zu treten und ihren kreisen zu lassen. Kess, wie die junge Dame sich da so gibt: mit roter Lockenpracht, Röckchen, Stiefelchen und einem Bass, den sie nicht nur handwerklich sondern auch choreographisch handzuhaben weiß. Da fällt es mir – bin ja auch nur ein Mann – schwer auch den Mitmusikern der Frontfrau Beachtung zu schenken. Da hätten wir eine weitere junge Dame, die Gitarre und – wenn die Chefin sich auf’s Singen konzentriert – Bass spielt und drei Herren, die allesamt grundsolide Leistungen bringen. Frau holt sich schließlich keine Greenhorns ins Boot wenn es darum geht, ihre Vorstellungen von geradliniger, aus Punk, Pop und Hardrock zusammengesetzter Musik zu verwirklichen.
Was Melissa mit ihrem Posing für die Augen war, war übrigens auch der Sound für die Ohren. Vor allem das Schlagzeug drückte wunderbar und die Abstimmung aller Instrumente war ebenfalls 1a.
Was die Songs selbst betrifft, kann ich wenig sagen. „I’ll Be Anything You Want“ war der einzige Song, den ich kannte und besonders fiel mir noch eine Nummer auf, die Melissa ihrem Lieblingstier, dem Pferd, widmete und der vom Grundgerüst her (Basslinie in Galopprhythmus) deutlich an IRON MAIDEN angelehnt war. Dass Alternativemusiker immer öfter ihre schwermetalische Vergangenheit durchschimmern lassen, ist ja nichts neues (siehe Geordie White von A PERFECT CIRCLE und das wohl prominenteste Beispiel Dave Grohl…), selten aber geschieht das in so toller Art und Weise.

Neben den diversen Connections zu den SMASHING PUMPKINS verbindet MELISSA AUF DER MAUR und A PERFECT CIRCLE vor allem eins: eine optisch unvergessliche Frontperson.
Gab sich die Vorband in der Hinsicht mit einer Mischung aus klassischer Rockerin und Barbie da eher traditionell, glänzte der Hauptact mit seinem spinnerten Ober-Weirdo Maynard James Keenan. Der Mann, der neben A PERFECT CIRCLE auch den Rockinnovatoren TOOL seine Stimme schenkt, stand ganz klar im Mittelpunkt der Show des Quintetts. Und das, obwohl man ihn oft gar nicht sah…
Zu Beginn war der gute überhaupt umgeben von einem Zelt, das auf dem Gestänge hang, das zwischen Keyboard und Schlagzeug auf erhobener Ebene mitten auf der Bühne stand. Von hinten wurde Licht aus verschiedenen Winkeln auf den perücketragenden Sänger projiziert, was einen interessanten Effekt hervorrief (einmal sieht man ihn rechts oben, plötzlich links unten, dann in der Mitte, dann wieder links,… durch den Stoff durch). Aber auch als der Vorhang gefallen war, geizte der Lichttechniker nicht mit auf die jeweiligen Songs abgestimmten, Keenan immer im Mittelpunkt stehen lassenden Spielereien bei denen man aber nie das Gesicht des seinen Hochstand nie verlassenden Sängers sah.
Neben ihm tummelte sich James Iha (Ex-SMASHING PUMPKINS) an Gitarre und Keyboards auf der einen, Josh Freese an den Drums auf der anderen Seite. Davor und darunter teilten sich Gitarrist Billy Howerdel und Bassist Jeordie White (Ex-MARYLIN MANSON) die untere Ebene der Bühne. Diese allesamt nicht nur hervorragend musizierenden sondern auch äußerst charismatischen Künstler standen aber klar im Schatten Keenans. Als kleinen Ausgleich für die vernachlässigten und zugleich als Erholungspause für den äußerst fleißig herumturnenden Fronter erhielten White und Iha ihre kurzen Gesangseinlagen, über die ich aber lieber den Mantel des Schweigens hülle…
Alles verdammt bombastisch inszeniert also… die PINK FLOYD meiner Generation quasi.
Und die Musik? Auch die könnte mit diesem Prädikat durchgehen. Von den beiden Platten weiß man ja bereits: hier werden keine Klischees breitgetreten, sondern schlau und innovativ musiziert. Für die Liveshow gab es eine ausgewogene Auswahl an Stücken beider Alben („Mer de Noms“ und „Thirteenth Step“) sowie an Stimmungen (zwischen A PERFECT CIRCLE-ureigenen impressionistischen, klangmalerischen Akkordspielereien mit wie Hochnebel darüber liegenden, zarten Gesangslinien und eher in die TOOL-Richtung gehenden, harschen Kontrasten). Unter anderem gab es natürlich „Weak And Powerless“ zu hören, ebenso „The Nurse Who Loved Me“, aber auch „Magdalena“ und – was ich hier noch als Kritikpunkt anmerken muss – „Thinking Of You“. Nicht das Stück selber war das Problem – im Gegenteil: ich halte diese Komposition für eine der gelungensten der Band überhaupt – sondern Jeordie Whites Bassspiel. Auf dem Album spielte Whites Vorgängerin Paz Lenchantin die das Stück sehr stark prägende Linie mit Fingern ein und das hört man auch deutlich, es funkt so richtig… White kommt nun daher und benutzt – wie bei allen anderen Nummern auch – ein Plektrum und kann deswegen natürlich nicht den Effekt erzielen, den Paz Lenchantin erreichte. Schade. Ich nehme an, der gute weiß das auch selber und ist deswegen nur bei dieser Nummer wie ein in einen Anzug gezwängter Wilder über die Bühne gehüpft um etwas abzulenken… So und jetzt bitte die Kommentare, dass ich das nicht so eng sehen soll, wir sind ja nicht bei der Jazzpolizei und außerdem geht’s ja um Atmo und so…

Kommen wir zum Schluss: A PERFECT CIRCLE sind sehr empfindlich, was das Fotografieren bei ihren Konzerten angeht, und auch wenn mir das die Beschreibung dieses doch sehr auf Gesamtkunstwerk angelegten Events erschwert hat, haben sie schon recht damit. Eigentlich sollten sie es auch verbieten, dass über ihre Konzerte geschrieben wird. Denn wer sich so eine Show nicht live gibt, der ist selber Schuld wenn er nur davon erzählt und nichts zu sehen bekommt…

www.aperfectcircle.com

Kronos
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Beitrag vom 29.01.2004
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