SHY   MONDSCHEINER  
30.04.2004 @ Posthof

Knapp drei Jahre nach dem Erscheinen von „Auf Reisen“ wurde die lechzende Fangemeinde im Februar nun endlich mit „35 Sommer“, dem lang erwarteten neuen SHY-Album beglückt. Grund genug für diese Linzer Indie Pop-Institution zu einer CD-Präsentation in den mittleren Saal des Posthofs zu laden, um die neuen Stücke Fans, Freunden und den Vertretern der Medien in einem würdigen Rahmen vorzustellen.

Als „Special Guest“ konnte die Wiener Kombo MONDSCHEINER gewonnen werden, die aus stilistischer Sicht durchaus eine ähnliche musikalische Ausrichtung an den Tag legen wie die Hauptgruppe. Leider war es mir zwar nicht vergönnt, die gesamte Show der Hauptstädter mitzuverfolgen, aber: Die Stücke, die an mein Ohr drangen, erwiesen sich als äußerst vielversprechend, und weckten die Lust sich mit dem Schaffen dieser Band näher zu beschäftigen. Wie bereits angedeutet, verfolgen diese Herren das Konzept, wohlklingenden Gitarren-Pop mit deutschen Texten zu ergänzen. Stilistisch ähnlich geartete Gruppen gibt es im gesamten deutsprachigen Raum bekanntermaßen zwar wie Sand am Meer, aber nur wenige Vertreter dieser Zunft verstehen es wirklich, eine eigene musikalische Identität zu entwickeln und somit auch qualitativ konkurrenzfähig zu sein. Zu dieser Gattung dürfen sich meines Erachtens auch die Wiener MONDSCHEINER zugehörig fühlen, denn – ähnlich wie bei den erfolgreichen Kollegen von GARISH – scheinen diese über ein feines Gespür für griffige Melodien zu verfügen, die sie sorgsam in ihre Kompositionen einbetten. Eine weitere Parallele zum musikalischen Erscheinungsbild von GARISH stellt das zum Träumen einladende, fast schon meditationsanregende Flair dar, das manche Kompositionen versprühen. Allerdings soll diese Gemeinsamkeit mit erwähnter Formation nicht überbewertet werden, da MONDSCHEINER eben nicht plump bei anderen Bands abkupfern, sondern gezielt ihre eigenen Wege beschreiten. Fazit: Beachtlicher Auftritt einer wahrlich hoffnungsvollen Band, von der man in Zukunft hoffentlich mehr zu hören und sehen bekommen wird.

Dann war es soweit: Nach einen langgezogenen Intro, lichtete sich der Vorhang, der die gesamte Bühne verhüllt hatte, und SHY legten „Fest steht“, dem Opener ihres brandneuen Werks, los. Auf der Bühne verstärkte sich die fünfköpfige Band nicht nur um einen zweiten Gitarristen in Person ihres Ex-Mitglieds Peter Trebo, der lange Jahre als alleiniger Gitarrist seinen Teil zum Erfolg der Band beitrug, sondern auch um zwei Bläser (Posaune etc.), was auch als notwenig erachtet werden muss, um die Stücke der letzten beiden Alben möglichst adäquat wiedergeben zu können.

Seit der Gründung im Jahre 1991 erwiesen sich SHY jedenfalls als durchaus produktiv, und können auf eine dementsprechend stattliche Diskographie (vier Studioalben, zwei Minialben, etliche Singleauskoppelungen, usw.) verweisen. Die Auswahl der in Frage kommenden Songs war daher naturgemäß eine umfangreiche, aber wie üblich konzentrierte man sich vorwiegend auf das Songmaterial der letzten beiden Outputs, und lies Auszüge aus Frühwerken eigentlich gänzlich außen vor. Wer die Karriere von SHY genauer mitverfolgte, der wird mir wohl zustimmen, dass es sich die Herren niemals leicht machten: Obwohl man sich im Laufe der Zeit untrennbar mit dem Bandnamen verknüpfte Trademarks erarbeitete, die sich wie ein roter Faden durch sämtliche Veröffentlichung ziehen, stellte man sich stets den sich bietenden Herausforderungen, indem man das musikalische Spektrum ständig erweiterte, und auch Experimente stets offen gegenüberstand, um es somit tunlichst vermieden werden konnte, das Boot in eine musikalische Sackgasse zu manövrieren. Nicht nur auf musikalischer Ebene versuchte man konstant, bestmögliche Ergebnisse zu erzielen, was meines Erachtens (fast) immer gelang, sondern auch die Texte, die von Sänger Andreas Kump verfasst werden, bewegen sich auf einem beachtlichen Niveau, und suchen ob des unsagbar kreativen, unkonventionellen und vor allem hochintelligenten Schreibstils des Autors ihres Gleichen.

Die Band präsentierte sich jedenfalls an diesem Abend nicht nur in Spiellaune, sondern in absoluter Bestform. Neben der aktuellen Single „Durch und durch“, wurden die Herren nicht müde, der Audienz auch weitere Songbeispiele aus ihrem aktuellen Werk vorzustellen: U.a. „Country und Western“; „Was für ein Tag“ oder „Nach der Weltrevolution“, das allerdings ohne das Zutun des Schöpfers dieser Nummer, Kurt Holzinger (Ex-WILLI WARMA), auskommen musste. Dafür wurde dessen (Ex-)Band mit deren Stück „Stahlstadtkinder“ verdientermaßen Tribut gezollt. Aber auch „Auf Reisen“ wurde entsprechend in Form von Stücken gewürdigt: „Neben den Schuhen“; „Für eine Handvoll Kulturpessimismus“; „Glaubt ihnen nicht“ sowie die Instrumentalnummern „Transbohemia“ und das wunderschöne „Ilano del Rio“ . Von den ersten beiden Alben „Pullover“ (1997) und „Comprende?“ (1998) kamen lediglich zwei Stücke zum Zug: Zum einen „Theme From A Summer Place“ sowie das neu arrangierte „Popsong“, das die ursprüngliche Version locker in den Schatten stellt. Jedenfalls agierten SHY erwartet souverän, und Sänger Kump sorgte zwischen den Stücken für gewohnt pointierte Ansagen. Dass auch eine ordentliche Light-Show aufgefahren wurde, versteht sich dabei fast von selbst. Das Publikum im sehr gut gefüllten mittleren Saal des Posthofes reagierte jedenfalls mit uneingeschränkten Enthusiasmus und SHY bedankten sich höflich in Form von Zugaben. Dass Verkaufserfolge in Japan, Videorotation auf VH-1, sowie überschwängliche Lobeshymnen seitens der Medien nicht zwingend zu Überheblichkeit und Stargehaben führen müssen, bewiesen die Linzer (einmal mehr), indem sie einen Freund im Publikum stilecht mit Torte und Sekt zu seinem Geburtstag beglückwünschten.


Hutti
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Beitrag vom 23.05.2004
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