DISGORGE   SANATORIUM   DEFLORANCE   PARENTAL ADVISORY   
02.05.2004 @ Andino

Da der Wiener Metal-Underground mit der Zu-Ga-Be letzten November seine bevorzugte Spielwiese verlor, waren die unermüdlichen Veranstalter kleiner privater Musikabende gezwungen, nach Alternativen zu suchen. Als eine dieser Ausweichmöglichkeiten bot sich ein gutes halbes Jahr später das lateinamerikanische Lokal Andino an, das erst unlängst durch einen Besitzerwechsel wieder für Metal-Veranstaltungen zugänglich wurde. Die Wiedereinweihung der leicht modifizierten, kleinen Konzerthalle sollte dann gleich recht zünftig durch die mexikanischen Death/Grind-Barden DISGORGE vorgenommen werden, die auf ihrer „Disgorging Europe“-Tour auch in Wien Sechs Station machten. Leicht angeschlagen von einer Verkühlung begab ich mich also – gestärkt durch das eine oder andere Aspirin – ins Andino, um mir meine Nebenhöhlen mit gediegenem Todesblei durchblasen zu lassen.

Den Anfang machten PARENTAL ADVISORY, die - wie sich Sänger/Gitarrist Fredl nostalgisch erinnerte - im Andino anno 1998 ihr Live-Debüt gegeben hatten und erst im Jänner als Local Support von HATE ETERNAL, DYING FETUS und DEEDS OF FLESH aufgeigen durften. Trotz des mehr als spärlichen Publikumsandrangs – die knapp über 50 Anwesenden waren samt und sonders noch von den Feierlichkeiten des Vortages (1. Mai) gezeichnet – legte sich das Quartett ordentlich ins Zeug und bereitete das Auditorium mit groove-lastigem Death Metal gekonnt auf die kommenden Stunden vor. Leider war der Sound alles andere als berauschend, da die Gitarren weder besonders druckvoll noch in einer annehmbaren Lautstärke rüberkamen und auch der Gesang nicht gerade adäquat abgemischt war – von den von Basser Markus beigesteuerten Vocals war eigentlich gar nichts zu hören! Nichtsdestotrotz spielten die vier Herren ihr halbstündiges Set tight herunter und bekamen es vom Publikum brav aber doch etwas lethargisch gedankt. Man darf gespannt sein, welches Ergebnis der von der Band angekündigte Studioaufenthalt in der nahen Zukunft bringen wird!

Nach den ersten beiden Nummern von DEFLORANCE war klar, dass sich der Sound nicht nur nicht gebessert, sondern eher noch verschlechtert hatte. Dieser Eindruck entstand vielleicht aber auch dadurch, dass die Tschechen(?), die ebenfalls vier Mann hoch erschienen waren, dem Groove nicht soviel abgewinnen konnten wie PARENTAL ADVISORY und deswegen fast durchgehend die höheren Geschwindigkeitsniveaus strapazierten. Wenn man sich direkt vor die Bühne stellte, konnte man zumindest anhand der Backline erahnen, dass der verwaschene Soundbrei an sich ganz passabler, wenn auch nicht gerade innovativer Death/Grind war. Obwohl DEFLORANCE mit nur einem Klampfer antraten, war der Gitarrensound weiterhin unterdurchschnittlichst und der Bass Drum-Trigger wollte so gar nicht mehr, weshalb die schnellen Double Bass-Passagen – und derer waren einige – vollkommen untergingen. Das ohnehin nicht gerade frenetische Publikum war angesichts der vorherrschenden Verhältnisse nicht gerade zu Begeisterungsstürmen hingerissen, zollte aber zwischen den Liedern der engagierten Leistung von DEFLORANCE angemessenen Respekt.

Die folgende Umbaupause war eine selten kurze, da eigentlich nur der Sänger gewechselt und nun unter dem Namen SANATORIUM aufgeigt wurde. Das wunderte mich dann doch ein bisschen, da ich die Band vor etwas mehr als einem Jahr zusammen mit INTERNAL SUFFERING (Review hier) in eindeutig anderer Besetzung gesehen hatte. Von der ursprünglichen Truppe sind anscheinend nur Sänger Martin, der den Tieftöner inzwischen abgegeben hat, und Gitarrist Onecque übrig; ob das "Joint Venture" mit DEFLORANCE ein dauerhaftes ist, kann ich allerdings nicht sagen. Jedenfalls gestaltete sich die folgende halbe Stunde wieder etwas erfreulicher, da sich der Sound um eine Spur gebessert hatte; vielleicht hatte ich mich aber auch nur zu diesem Zeitpunkt schon an die Klangverhältnisse an diesem Abend gewöhnt. Es war doch relativ erstaunlich zu sehen (bzw. zu hören), dass trotz fast identischer musikalischer Besetzung eindeutig Unterschiede in der Umsetzung zu hören waren. Die dargebotenen Songs wirkten viel abwechslungsreicher, technisch differenzierter und ausgereifter als bei DEFLORANCE zuvor. Anscheinend waren die drei Instrumentalisten durch die bereits absolvierte Spielzeit aufgewärmt und motiviert, da die vielen Geschwindigkeits- und Rhythmuswechsel mit einer Power zelebriert wurden, die nicht die geringsten Anzeichen von Müdigkeit erkennen ließ. Angesichts von soviel Spielfreude besserte sich die Stimmung unter den Anwesenden auch deutlich und so ließ man SANATORIUM nicht gehen, bevor sie noch eine Zugabe gespielt hatten.

Auch beim Headliner DISGORGE hatte sich besetzungstechnisch etwas getan: Antimo, die Frontsau und Bassist der Band, hatte kurz vor Beginn der Europa-Tour das Handtuch geworfen, weshalb Gitarrist Edd die Vocals übernehmen musste. Die somit vakant gewordene Bass-Stelle konnte in derart kurzer Zeit unglücklicherweise nicht mehr nachbesetzt werden, man hatte sich allerdings einen zweiten Gitarristen an Bord geholt. Das Trio schien von dieser kurzfristigen Umstellung nicht wirklich beeindruckt oder negativ beeinflusst zu sein, denn die Mexikaner entfesselten ein Death/Grind-Inferno, das live sicher seinesgleichen sucht. Eine Dreiviertelstunde lang wurde geknüppelt, gegrunzt und gegurgelt was das Zeug hielt und die Brachialität der Performance übertrug sich auf zwei Fans, die sich vor der Bühne ein Zwischending aus einem Zwei-Mann-Moshpit und einem Ringkampf im griechisch-römischen Stil lieferten. Leider brachte es der Mischer aber nicht mehr fertig, wenigstens für die letzten Band einigermaßen passable Bedingungen zu schaffen, denn weder der "Gesang" noch die energische Gitarrenarbeit waren deutlich hörbar und ausgewogen. Wie auch die Bands zuvor, scherten sich DISGORGE aber nicht drum und brettertem quer durch ihre Diskographie, wobei sie ihrer letzten Scheibe "Necrholocaust" (Review hier) besondere Bedeutung zumaßen. Das Fehlen des Basses fiel ob der ohnehin eher jenseitigen Soundverhältnisse nicht mehr wirklich ins Gewicht.

Fazit: Ob sich das Andino nach diesem etwas verpatzten Start beziehungsweise Neubeginn als Location für kleinere Metalkonzerte wird etablieren können, ist fraglich. Ein so vielversprechendes Band-Package hätte einen anderen Rahmen und außerdem ein größeres Publikum verdient gehabt, Sonntagabend hin oder her! Respekt auf jeden Fall für die Bands, die trotz der eher widrigen Umstände versucht haben, alles zu geben!


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Christoph
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Beitrag vom 27.05.2004
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