AERODROME MIT METALLICA   KORN   SLIPKNOT   MOTÖRHEAD   RED HOT CHILI PEPPERS   TOTEN HOSEN   U.V.A.  
10.06.2004 @ Flugfeld, Wiener Neustadt

Den Sturm, Regen, Hagel und Matsch des Mittwochabends überlebt, war man Donnerstagmorgen erst einmal nicht ganz unfroh über die Sonnenstrahlen, die einen mit ihren brutalen Attacken um halb vor das-ist-noch-lange-keine-Zeit-zum-Aufstehen aus dem Zelt scheuchten.
Nach Reparaturarbeiten an Zelt und sich selbst ging es einmal zu einem Rundgang und die Earshot-Abgesandten ließen die ersten Bands erst mal rocken, während sie sich um Interview-Vorbesprechungen und anderen organisatorischen Kram kümmerten. Gespräche mit Security-Leuten ergaben dann das, was sich zu diesem Zeitpunkt schon erahnen ließ und backstage schon voll im Gange war: war das Chaos auch nicht wirklich ausgebrochen, so ließ es zumindest hie und da ein warnendes Zähnefletschen durch die „Ich bin nicht zuständig & Bitte warten“-Dunkelheit durchschimmern. Aber belassen wir es damit dabei und kümmern wir uns einmal um die Bands des ersten Tages.

PUNGENT STENCH waren für mich zunächst einmal Pflichttermin, hatte ich in den letzten Monaten doch meine Vorliebe für den musikalisch wie textlich dreckigen Death Metal der drei Wiener entdeckt. Dadurch erklärt sich auch, warum ich bis dato nie auf Konzerten der Kultkappelle zugegen war. Und das Trio bot einen würdigen Einstieg in das Festival: pünktlich und mit gutem Sound gab es Perlen (oder sollte man hier von Winterkirschen sprechen?) à la „Shrunken And Mummified Bitch“, „For God Your Soul, For Me Your Flesh“ oder auch Neueres wie „Shoot, Loot, Electrocute“ zu hören, die klar stellten, dass der neue Bassist Fabs sich als gegen den sprichwörtlichen Wind lehnender Gegenpol zum prollig rumposenden Frontmann Martin gut macht (auch wenn da einige Leute anderer Meinung waren), Martin eben prollig herumpost (inklusive Beckenkreisenlassen, während die Gitarre hinterm Kopf gespielt wird und Bottleneckeinlage mit Bierflasche - bei welcher anderen Death Metal Band kann man so was schon sehen?) wie kaum ein anderer und Drummer Wank… na ja, ich zitiere: „Vor drei Tagen is’ leider der Quorthon von BATHORY g’storb’n, und der hat uns doch auch sehr beeinflusst. Deswegen würden wir gerne eine Schweigeminute einlegen,(klopft drei Mal auf die Bass Drum) Oiso: Auf Wiedersehen!“ und weiter ging’s im Perversum der Kultband. Frühes Highlight für mich auf jeden Fall, danach wollte ich mir LIFE OF AGONY auf der Mainstage geben, stattdessen hätte ich bei HATEBREED bleiben sollen…

Keith Caputo, zufälligerweise am selben Tag wie ich geboren und vielleicht deswegen astrologisch bedingt auch eher eine launische Natur, war ja schon immer das Sorgenkind der New Yorker LIFE OF AGONY. Und auch wenn er zwischen den Songs kein Wort rausbringt und generell einen etwas zerdeppschten Eindruck macht wie voriges Jahr in Salzburg, kann er singen wie ein Gott und seine drei Mitstreiter genauso rocken. Kann. In Wiener Neustadt tat er das nicht und der Rest der Bande ließ sich gleich anstecken. Ich habe LIFE OF AGONY nur im Vorbei gehen gesehen beziehungsweise gehört, aber das, was mir zu Ohren kam, konnte mich nicht dazu bringen, zu bleiben. Lahm gespielt, schief gesungen, nein Danke, brauch ma ned.
Ganz anders sah es da schon bei den TOTEN HOSEN aus, die konnten auf voller Linie überzeugen: guter Sound, natürlich nur Hits, gute Laune auf und vor der Bühne und als einziges Manko Campinos Tick, alles auf Fußball zu beziehen. So oder so sind die HOSEN in 20 Jahren zumindest im deutschen Sprachraum wohl das, was die ROLLING STONES seit etwa den frühen Neunzigern sind: die domestizierten Rock’n’Roll-Vorbilder einer ganzen Generation, zu deren Konzerten man trotz Generaldirektorposten geht, weil man als 14-Jähriger so ein Rebell wie sie sein wollte.

Waren LIFE OF AGONY eine Riesenenttäuschung gewesen, konnten die als schlechte Live-Band verschrienen RED HOT CHILI PEPPERS eine äußerst zufrieden stellende Show bieten. Die Band mit der unumstrittensten Rhythm-Section der Welt hatte ihrem Sänger die richtigen Drogen oder doch zumindest die richtigen kosmischen Schwingungen eingeredet und so konnte Anthony sogar singen wie auf Platte. Dass sein Outfit mir genauso aufstieß wie Gitarrist John Frusciantes zwischendurch eingestreute Gitarre/Gesangseinlagen (unter anderem „Walking in The Sand“ mit Falsettgesang… auweh!), ist natürlich Geschmackssache, sei aber trotzdem erwähnt. Zu hören gab es erwartungsgemäß viel von den letzten beiden Alben, gar nichts von „One Hot Minute“ und den ersten Alben und wenig von „Blood Sugar Sex Magik“. Die auf diesem Album zu findende Pflichtzugabe „Give It Away“ wurde dafür aber in einer genialen, vom Feeling des Originals etwas abgehenden Version gebracht.
Nach diesem Konzertabend wurde erst einmal ein bisschen vom mitgenommenen getrunken (die Bierpreise waren zwar Festivalschnitt, jedoch soll es Leute geben, die besonders im angeheiterten Zustand mit deutschem Gastronomiepersonal nicht klarkommen und das war am Aerodrome sogar in vermeintlichen Austro-Institutionen wie der Zipfer-Zone allgegenwärtig) und dann ins Partyzelt gegangen, das an dieser Stelle mal das Prädikat „Besuchenswert“ erhält.

Die Nachtruhe war wieder kurz gewesen und der Schädel umso dicker, was gibt es da Besseres, als die bereits von anderen Festivals bekannten dänischen Hot Dogs, ein warmes Bier und MOTÖRHEAD!
Die drei Kater-erprobten Briten rund um den sicher nicht grundlos Sonnenbrille tragenden Lemmy rockten ohrenbetäubend, was allerdings gar nicht so an der Lautstärke, sondern an dem verdammt höhenlastig-scharfen Sound gelegen haben dürfte. Lemmy trug also Sonnebrille und weiße Cowboystiefel, Gitarrist Phil kaute Kaugummi und grinste, Drummer Mikey Dee sah scheiße aus wie immer, also war alles beim Alten, von der Musik ganz zu schweigen.

Unser SLIPKNOT-Korrespondent Antihero war natürlich auch in Wiener Neustadt anzutreffen und freute sich mindestens genauso wie ich, der die Neun ja erst einmal und das vor zwei Jahren gesehen hatte, trotzdem überließ er mir die Ehre, unsere Begeisterung für diese Band in Worte zu fassen.
Zunächst muss ich sagen, dass ich mir in der darauffolgenden Woche in den Arsch gebissen habe, dass ich mir das aktuelle Album „The Subliminal Verses“ erst NACH dem Aerodrome zugelegt habe. Ein Killer-Kaliber, dessen Songs mir live wahrscheinlich noch besser gefallen hätten, hätte ich sie gekannt. Aber auch so verstanden „The Blister Exists“, „Three Nil“ und andere Geschosse mich schier und einfach umzublasen. Ältere Titel waren dann wieder zum freudigen Mitwippen geeignet, aber das neue Zeugs ließ bei mir einfach nur die Kinnlade runterklappen. Und dazu diese Bühnenshow! Also ich bin zwei Jahre älter als bei meinem ersten und bis dato letzten SLIPKNOT-Konzert und damit kein Teen mehr, trotzdem wusste mich die Energie, die diese Band auf die Bühne bringt, und das stimmige Konzept mehr zu beeindrucken als 2002 in Wien.
Für Gitarristen sei noch erwähnt, dass Mick 7 so ein richtiges Arschloch ist, immerhin hat der Mensch inzwischen so ziemlich jedes B.C. Rich-Modell in Custom-Ausführung und zeigt sie alle auch so richtig angebermässig her.

Nicht ganz so tolle und außerdem immer dieselben Gitarren und wesentlich weniger Bewegung auf der Bühne haben KORN, die uns dafür aber bewusst machten, wie wichtig sie eigentlich für zeitgenössische, harte Musik sind. Selbst wenn man kein einziges KORN-Album zuhause hat und nur gelegentlich MTV sieht oder in irgendeinen Crossover-Tanzschuppen geht, kann man gar nicht auch nur einen einzigen Song des Gigs der Rock-Innovatoren des letzten Jahrzehnts NICHT kennen. Erstaunlich.
Aber wie gesagt: das davor gebotene konnten KORN nicht wiederholen und schon gar nicht das, was gleich kommen würde. Stattdessen gab es so was wie eine KORN-Best Of als Stimmungsüberbrücker zwischen SLIPKNOT und the one and only METALLICA

Waren alle Bands des Festivals erstaunlich pünktlich und mit gutem Sound auf der Bühne gewesen, ließen sich METALLICA etwas Zeit. Man darf sich aber sicher sein, dass das reine Absicht der Vollprofis war. Ohne Soundcheck brach dann urplötzlich ein Soundgewitter über Wiener Neustadt los, dass einem Hören und Sehen verging. „Blackened“ in kristallklarem Sound und so frisch, wie man es von dieser Band wohl nicht (mehr) erwartet hatte, wurde auf die Zuseher losgelassen und ein James Hetfield mit zurückgegelten Haaren, ein Kirk Hammett, an dem – sieht man einmal von der Stirn ab - die letzten 15 Jahre spurlos vorbeigegangen sind, ein wieder gesunder Lars Ulrich in bester Zunge-Rausstreck-Laune und ein am Boden herumkriechender Robert Trujillo bewiesen, dass es noch Wunder gibt.
In den nächsten viel zu kurzen zwei Stunden gab es in einem hervorragend vorbereiteten und doch unverkrampft dargebrachten Set alles von „Fade To Black“ zu „Sad But True“, von „Sanitarium“ zu „Fuel“ oder von „Creeping Death“ zu „King Nothing“ zu hören. Mein erklärtes Highlight, das allerdings nicht ganz unumstritten war, war „The Thing That Should Not Be“, diese extrem böse Riffkreatur von „Master Of Puppets“, bei der James einen extremen Hall-Effekt über den Gesang während der Strophen legen ließ und durch seine seit 1986 deutlich besseren „cleanen“ Gesangskünste zu überzeugen wusste. Monumental.
Reibungslos wurden Gitarren gewechselt und von einem Song zum nächsten übergeleitet, ein Ablauf wie bei einem MADONNA-Konzert oder ähnlichen durchchoreographierten Mega-Events. Aber das passte schon.
Wie schon üblich geworden seit dem Release von „St. Anger“, wurde sehr wenig neues (lediglich der Titeltrack und der Opener des aktuellen Outputs) und jeweils nur eine Nummer der drei Alben davor gespielt. Stattdessen gab es viel von „Master Of Puppets“ (die ersten vier Songs sind immerhin das halbe Album) und gegen Ende sogar zwei „Kill 'em All“-Tracks neben dem obligatorischen „One“ als Rausschmeißer („Whiplash“ und „Seek And Destroy“). Dass dabei Pyros ohne Ende abgeschossen wurden, ist wohl überflüssig zu erwähnen.
METALLICA toppten damit nicht nur dieses Festival, sondern wahrscheinlich das ganze Konzert-Jahr.




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Beitrag vom 14.07.2004
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