RAMMSTEIN   CLAWFINGER  
22.05.2001 @ Stadthalle Wien

Wohl keine andere Band sorgte innerhalb kürzester Zeit für solches Aufsehen wie die Berliner RAMMSTEIN. Ihr kometenhafter Aufstieg blieb aber nicht ohne Auswirkungen innerhalb der "Szene". Die Leute, welche sich von der Band nach den ersten kommerziellen Erfolgen abgewandt haben, stehen jenen gegenüber, deren Leidenschaft für die Songs der Deutschen nach wie vor ungebrochen ist. Zu letzterer Gruppe zähle ich mich selbst. Nüchtern betrachtet kann man RAMMSTEIN auch keinerlei Vorwurf machen, in irgendeiner Weise Eingeständnisse musikalischen oder textlichen Ursprungs zugunsten einer besseren Massenkompatibilität gemacht zu haben. Sie schreiben schlicht und einfach eingängige und brachiale Songs, welche zwangsläufig großen Anklang finden müssen. Das dadurch auch Leute angesprochen werden, welche normalerweise mit harter Musik nicht viel zu tun haben, kann man auch als Vorteil sehen, da einige auf diesem Weg auch den Zugang zu unbekannteren Bands finden werden, welche ihnen sonst womöglich für immer verborgen geblieben wären. Aber auch wenn nicht, der Konsens bleibt trotzdem der gleiche: RAMMSTEIN sind einfach eine wirklich gute Band, welche 3 Alben veröffentlichen konnte, deren Klasse trotz gleichgebliebenen Stils und des immer größer gewordenen Druckes seitens der Fans und der Presse, jedesmal gestiegen ist.

Aber genug geschwafelt, dies sollte eigentlich auch nicht Thema eines Konzertberichtes sein, es war mir jedoch ein großes Anliegen, auch solche Dinge zur Sprache zu bringen.



RAMMSTEIN hatten sich also darangemacht, ihr kürzlich erschienenes, neues Album "Mutter" ihrer mittlerweile ausgesprochen großen Anhängerschaft live darzubieten.

Als Austragungsort des einzigen Österreichkonzerts dieser Tour diente die altehrwürdige Wiener Stadthalle. Die Rolle des Openers hatten CLAWFINGER inne, deren Auftritt mir aber leider aufgrund meiner leicht verspäteten Anreise aus Graz entging.

Ich schaffte es aber noch, rechtzeitig vor Beginn des eigentlichen Spektakels meinen Platz (leider einen Sitzplatz) zu beziehen. Der Stehplatzbereich war wirklich proppenvoll, gänzlich ausverkauft dürfte das Konzert allerdings nicht gewesen sein, da auf den Rängen noch einige wenige Plätze frei blieben. Das war jedoch schwer zu beurteilen, da viele der Sitzplatzinhaber sich bei den Geländern versammelten, um ihren Helden näher sein zu können. Somit war auch hier die Stimmung so, als befände man sich direkt in der Menschenmasse vor der Bühne. Und die Stimmung, das kann man getrost sagen, war ausgesprochen gut. Bereits als noch Licht in der Halle war und ein großer, schwarzer Vorhang die Bühne verhüllte, ertönten laufend RAMMSTEIN - Sprechchöre. Alle waren natürlich gespannt auf die visuelle Umsetzung des neuen Materials. Doch bald war es soweit und die sich verdunkelnde Halle ging in tosendem Applaus unter. Was der langsam beiseite gezogene Vorhang freigab, traf den Nagel auf den Kopf. Das "Mutter"-Thema wurde passend in Szene gesetzt. In der Mitte der Bühne hing ein großes, fleischfarbenes, heißluftballonförmiges etwas, welches sich alsbald als die Darstellung einer Gebärmutter (ausgebildete Gynäkologen mögen mir bitte verzeihen, sollte ich mit dieser Interpretation falsch liegen) herausstellte. Diesen Schluß zog ich daraus, daß der Reihe nach die einzelnen Bandmitglieder, lediglich in Windeln gewickelt, heraus und auf die Bühne fielen. Als musikalische Untermalung diente ein heftiges, elektronisches Intro. Während auf diesem Wege sämtliche RAMMSTEINER das Licht der Stadthalle erblickten und ihre Plätze an den Instrumenten bezogen, wurde auch das Publikumsgeschrei kurzfristig leiser, da natürlich alle gebannt das Dargebotene beobachteten. Und schon ging es auch los. Die einleitenden Töne und der Flüstergesang von "Mein Herz brennt" ertönten und alle Anwesenden jubelten. Als schließlich das erste Gitarrenriff die brodelnde Hallenluft zerschnitt, konnte man nicht mehr anders, als sich einfach im Rythmus mitzubewegen, in welcher Form auch immer. Darauf folgte der Stampfer "Links 2 3 4", was natürlich zu einer weiteren Steigerung des Headbanger-Anteiles führte. Die erste Periode des Abends war dann weiterhin fast völlig dem neuen Material gewidmet. Doch das ist in Anbetracht dessen Kultpotentials auch verständlich. Da die Songs auch innerhalb des Publikums bereits zur Gänze bekannt zu sein schienen, erwuchsen dadurch keinerlei Stimmungseinbußen, ganz im Gegenteil. Spätestens bei "Sonne" und "Mutter" herrschte vollständige Klarheit. RAMMSTEIN waren im Begriff, alles plattzuwalzen und nichts konnte sich diesem Vorhaben in den Weg stellen. Gottseidank hatten die 6 Herren viel kreative Energie in die Gestaltung von Beleuchtung und Pyroeffekten investiert, so verschmolzen die optischen Eindrücke immer wieder mit den akustischen zu einem Gesamtkunstwerk, welches seinesgleichen sucht. Ständig bebte die Halle, wenn Richard Kruspe und Paul Landers Brachialriffs aus ihren Äxten zauberten und Flake seinem Synthie teils irrwitzige Klänge entlockte. Der Rhythmusteppich, gebildet durch das harte und präzise Drumming von Christoph Schneider und die Arbeit von Oliver Riedel am 4-Saiter, trug den Rest zu einer wahren Soundlawine bei. Über alldem thronte Till Lindemanns markante Stimme, der die R´s rollte, daß es eine wahre Freude war. So kam es selten zu Verschnaufpausen, lediglich bei ruhigeren Nummern wie beispielsweise "Nebel". Nachdem fast alle Lieder von "Mutter" gespielt waren, kam die Phase, in der dem älteren Material gehuldigt wurde. Die Publikumsresonanz bei Kalibern wie "Sehnsucht", "Du hast" und "Engel", brauche ich wohl kaum zu beschreiben. Doch der Höhepunkt war vorläufig noch nicht gesetzt. Einige Klassiker erwartete ich mir auf jeden Fall noch, wurde aber nicht enttäuscht, denn bereits bei diesem Gedanken, ertönte das Intro zu "Rammstein", jäh unterbrochen durch eines der besten Riffs, das der Feder der Berliner je entsprungen ist. Besonders live ist dieser Song in seiner Intensität unschlagbar. Natürlich "brannte" auch wieder "ein Mensch", oder besser gesagt dessen Mantel. Till Lindemann war einmal mehr Feuer und Flamme. Doch nach erfolgter Abnahme des Mantels durch zwei Helfer, ging der Frontmann, eingeleitet durch eine explosionsartige Feuerausbreitung, vollends in Flammen auf, was mich kurz stocken ließ, mußte man schon fast befürchten, es handle sich dabei um einen ungewollten Zwischenfall. Dem war jedoch nicht so. Dieses Spektakel war wohldurchdacht, hinterließ also keine Verletzten, sondern ausschließlich staunende Gesichter. Pyrotechnisch war somit ab diesem Zeitpunkt keine Steigerung mehr möglich. Soundtechnisch allerdings schon noch. Einen Trumpf des neuen Albums hatte man sich wohlweislich aufgehoben. Die Rede ist natürlich von "Ich will", dessen Konzeption als Livegranate ohne Umschweife auch auf CD deutlich gemacht wird, gibt man den Leuten ihren Part, den sie bei Besuch eines Konzertes zu schreien haben, bereits vor. Und alle Anwesenden hatten ihren Text brav auswendig gelernt, wodurch die Rechnung voll aufging. Soviel zum Thema Höhepunkt. Das Ende war aber noch nicht gekommen, es wurden noch einige Songs zum besten gegeben, womit man das ganze bisherige Schaffensspektrum abdecken konnte. Auch eine gänzlich neue Komposition, "Halleluja" betitelt, welche meines Wissens lediglich auf der "Links 2 3 4" - Single zu finden ist, stellte man vor. Zum Abschluß dieses wirklich gelungenen Abends enterten noch die Musiker von CLAWFINGER die Bretter, welche die Welt bedeuten, um gemeinsam mit ihren deutschen Kollegen eine abschließende Teamarbeit in Form eines Liedes abzuliefern, dessen Titel sich allerdings meiner Kenntnis entzog. Die Wirkung war allerdings zufriedenstellend. Ich persönlich hätte es jedoch bevorzugt, mit einem weiteren Klassiker aus dem Hause RAMMSTEIN beglückt zu werden. "Du riechst so gut" vermißte ich nämlich. Dies wird aber der einzige Kritikpunkt bleiben. Sonst konnte man einfach nichts an der gebotenen Performance aussetzen, außer natürlich, daß ich dem Soundgewitter noch weitere Stunden hätte lauschen können, ohne mich zu langweilen. Aber irgendwann muß eben Schluß sein. Ausgezahlt hat sich der Besuch dieses Konzertes allemal, denn das Gebotene ließ wirklich keine Wünsche offen. Da verschmerzt man hoffentlich auch den Eintrittspreis von bis zu 500 ATS leichter.

Abschließend bleibt noch zu erwähnen, daß die angereisten Fans sich alle ausgesprochen friedlich verhielten, wodurch es zu keinerlei Reibereien kam, was bei so großen Veranstaltungen ja keine Selbstverständlichkeit ist.


Juergen
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Beitrag vom 11.07.2001
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