MESHUGGAH   SCARVE   BASTARD PEELS   
01.06.2005 @ Planet Music

Vor sechs Jahren, meinte MESHUGGAH's Frontschreier Jens Kidman, waren sie das letzte Mal in Wien. Eine ganz schön lange Abstinenz, die die ohnehin schon große Erwartung und das Publikumsaufkommen für ihre endlich eingetretene Wiederkehr in die Höhe trieb. Vom Death-Metaller über den Skater bis zum Rastahippie waren sie alle angetanzt an jenem Mittwoch, um den Julibeginn mit Skandinaviens feinster psychedelic Tech-Thrash-Auslese zu begehen. Und die Hoffnung war keineswegs zu hoch gesteckt ...

Doch zunächst zu den Vorgruppen: Da gab es erst einmal den Ausfall der als Opener angekündigten Österreichischen Bauern-Deather FREUND HEIN. Ihr grimmer Namenspate war zum Glück nicht Schuld an ihrer Absage, aber des Schnitters kleiner Bruder, die Verletzung, hatte des Gitarristen Hand attackiert. Also Sense mit FREUND HEIN – BASTARD PEELS stattdessen. „Bastard“ ist ein gutes Wort, um ihren von ihnen selbst als „Heavy Music“ bezeichneten Sound zu beschreiben: Ein Hybrid aus Thrash, Rock, Psychedelic, der sich eigentlich jeder herkömmlichen Einordnung entzieht. Die BASTARD PEELS zeigten sich auch recht spielfreudig, doch munden wollte mir ihr Total-Crossover nicht wirklich, was vor allem an der (cleanen) Stimme lag, die mir zu unentschlossen klang, um wirklich rockige Atmosphäre rüber zu bringen. Die Leute waren bereits zu dieser frühen Zeit zahlreich. Ich persönlich hätte aber wesentlich lieber FREUND HEIN gesehen.

SCARVE aus Frankreich sind eine interessante Geschichte: Musikalisch topfit, zelebriert der Sechser eine höchst progressive Death-Variante, die Genregrenzen mitunter weit hinter sich lässt. Ein ungewöhnliches Bild ergeben die zwei Sänger, die die verzwickte Instrumental-Gewalt mit Growls und cleanen Ausflügen schmücken. Die schnellen Teile wirken durch stilsicher eingebaute rhythmische Variationen sehr dynamisch und konsequent (ok, kein Vergleich zu MESHUGGAH, aber dazu gleich...), bei den ruhigeren, hymnischen und schlichteren Teilen büßen SCARVE leider einiges von ihrer Gewalt ein. Was zum Glück aber nie recht lange anhält. Also insgesamt eine einfallsreiche, zukunftsträchtige Band, die einen erweiterten Horizont voraussetzt. Trotzdem würde ich mir wünschen, dass sich SCARVES musikalischer Anti-Dogmatismus noch stärker in den Dienst der Brachialität stellt, da er für meinen Geschmack passagenweise doch etwas aufgesetzt klingt.

Wie man das in Perfektion hinkriegt, zeigten MESHUGGAH. Ja, lang ist es her, dass ich, die Haare noch kaum schulterlang, mit offenem Mund den rhythmischen Verschiebungen der „Destroy – Erase – Improve“ lauschte und kaum glauben konnte, was da gespielt wird. Nun liegt das frisch veröffentlichte Neuwerk „Catch 33“ vor, das einerseits als innovativ gelobt, andererseits als undynamisch verdammt wird. Wie funktioniert solch aberwitzige Musik live? Überwältigend gut – kaum hatten MESHUGGAH die ersten vertrackten Takte angespielt, war die Hölle los im Planet Music: Die Mannen schleudern ihre Wahnsinnswerke so ungerührt und tödlich schwer in die Meute, als würden sie den simpelsten 4/4-Beat zocken – ihr musikalisches Niveau ist schlichtweg beeindrucken und dürfte den verrücktesten Progressive-Jazzer zumindest zu anerkennenden Beifall zwingen. Dabei sind MESHUGGAH, obwohl durchaus „Kunstmusik“, eben keine abgehobene Spinnerei, sondern durch die Bank vernichtender, brutaler Thrash Metal. Manchmal erweisen sich die abgefucktesten Strukturen als erstaunlich eingängig und bangbar, manchmal könnte man schier darüber verzweifeln, mit welcher Selbstverständlichkeit MESHUGGAH die Rhythmen verschieben und übereinander lagern, Taktfragmente herausreißen und einfügen, sich im völligen Chaos ergehen, um wie aus dem Nichts wieder auf einem Schlag zu landen, der eine neue Vernichtungsorgie von ungeahnter Eindringlichkeit lostritt. MESHUGGAH sind definitiv eine starke Live-Band. Nur schade, dass sie nach dem letzten Stück spurlos verschwanden, und die nicht enden wollenden Zugabe-Chöre mit dem Abbau der Bühne quittiert wurden.

Letztlich muss gesagt werden, dass MESHUGGAH den Abend derart dominierten, dass die Vorbands vergleichsweise in der Bedeutungslosigkeit versinken. Die BASTARD PEELS fand ich, wie gesagt, eher seltsam, SCARVE verdienen Anerkennung als innovative und brachiale Band, konnten mich jedoch nicht völlig vom Hocker reißen. Die Könige des Tech-Thrash aber heißen MESHUGGAH.


marian
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Beitrag vom 08.06.2005
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