DIE TOTEN HOSEN   KORN   SOCIAL DISTORTION   THE HIVES...  
27.08.2005 @ Rock am See, Konstanz

Es war ein runder Geburtstag, den Rock am See in Konstanz feierte. Seit 20 Jahren gibt es das Festival bereits. Ausverkauft war es nicht, 24500 bejubelten die sieben Bands. Der Schwerpunkt lag dieses Jahr eindeutig auf Punk mit den TOTEN HOSEN als Höhepunkt. Mit einer Ausnahme: KORN bedienten die Nu Metal-Anhänger – mit einer bombastischen Show hätte die Formation eigentlich die Position des Headliners einnehmen müssen.

Die Amerikaner KORN haben mit ihrer Musik eine ganze Generation geprägt. Denn diese Band schuf in den 90er Jahren den Nu Metal entscheidend mit. Dabei heben sich die fünf Protagonisten entscheidend vom Einheitsbrei dieses Genres ab und suchen Ihresgleichen. Es ist die Mischung aus Brachialität und der gefühlvollen Harmonie, die KORN ausmacht. Allen voran Jonathan Davis. Er kann sein Organ variieren wie nahezu kein anderer: mal klar gefühlvoll, mal derb gröhlend.
So präsentierte sich der charismatische Sänger auch bei Rock am See. Still zu stehen ist nicht sein Ding. Ihn reißt die Musik dermaßen mit, dass er sich ihr vollends hingibt. Er lieferte in Konstanz aber den Beweis, dass seine versible Stimme wie auf den Platten kein technisch nachjustiertes Organ ist und er die Gratwanderung zwischen reiner Melancholie und wüster Aggression auch live schafft. Das gelingt fast nur noch Corey Taylor von SLIPKNOT.
Getragen wird Jonathan Davis aus einem fulminanten Gesamtgefüge seiner Musikerkollegen. KORN setzt weniger auf die Double-Bass-Drums als auf die Wucht des Viersaiters. Dessen Töne kommen derartig wummernd aus den Boxen, dass der Magen im Takt mithüpft. Dieser Basslauf und vor allem die Spielweise von Reginald Arvizu verleihen der Band einen sensationellen Wiedererkennungswert.
Im Gesamten gesehen war der Auftritt KORNs eine außergewöhnliche Show. Davis heizte sein Publikum an, ohne aber mit ihm direkt zu kommunizieren. Höhepunkt war wohl der Song „Did My TimeE“ vom Album „Take A Look In The Mirror”. Genau dabei zeigte sich die virtuose Vielfalt des Sängers im Schottenrock, der sich auf der Bühne auch gerne mal als Feuerartist versucht und den Dudelsack bedient. Ihre Lieder brachten KORN auf den Punkt gespielt rüber, jedes treibende Riff saß perfekt. Mit einer kleinen Ausnahme: die Coverversion von METALLICAs legendärem Anti-Kriegssong „One“ hing etwas schief. Was am Schlagzeuger lag, der nicht ganz im Takt seine Salven entließ. Genial dagegen PINK FLOYDs Klassiker „Another Brick On The Wall“. Schade, dass KORN sich nicht nur mit dem Publikum kommunikationsfaul zeigten, sondern auch das fix vereinbarte Interview Minuten zuvor strichen. Das ziert sich nicht für so eine großartige Formation, die mit dieser Show der eigentliche Headliner hätten sein müssen.

Denn die TOTEN HOSEN lieferten zwar eine gute Show ab, die war aber letztendlich wie immer. Die deutschen Punker waren schon oft in der Gegend aufgetreten, bei Rock am See war es fast schon ein Heimspiel: Campino feuerte das Publikum an, das frenetisch zu all den alten Gassenhauern mitging - und natürlich auch zu den neueren Stücken.

Auch SOCIAL DISTORTION, die altgedienten US-Punkrocker aus dem sonnigen Kalifornien, peppten ihr Repertoire mit zwei ungewöhnlichen Coverversionen auf: „Under My Thumb“ von den ROLLING STONES (das ungefähr so klang, als hätte man den durchaus drogenerfahrenen Jagger&Richards noch eine kräftige Dosis Ecstasy in den Abendcocktail geschüttet) und „Ring Of Fire“ (!) von der Country-Ikone Johnny Cash. Überhaupt mixten die Kalifornier immer wieder Rhythm'n'Blues-Elemente in ihren 70ies-Old-School-Punk und erweiterten so das klassische Drei-Akkorde-Schema: „Reach The Sky“ und „Don’t Take Me For Granted“ etwa (beide vom aktuellen Album „Sex, Love & Rock’n’Roll“) demonstrierten auf das Nachdrücklichste, dass diese Band zum Besten gehört, was die US-Rock-Szene derzeit zu bieten hat.

Was natürlich auch auf NOFX zutrifft, auch sie fast schon Veteranen der amerikanischen Neo-Punk-Szene. Mit ausgesprochen knalligen, schnörkellosen Riffs erfreuten sie ihre Fans, und obwohl der eine oder andere Song gelegentlich ins Krachlederne abzurutschen drohte, überzeugten sie mit einem Auftritt voller Leidenschaft und Herzblut. Und wenn es im Moment eine aufsteigende Band im Punkrock-Bereich gibt, dann sind es THE HIVES. Diese Schweden haben das Potenzial, noch mal ganz groß zu werden. Ihre mitreißenden Kompositionen lassen niemanden still stehen, auch wenn er zuvor noch kein einziges Stück gekannt hatte. In erster Linie ist es der äußerst sympathische Sänger Pelle Almqvist. Er treibt die Meute vor der Bühne bis zum Äußersten an, fordert auf humorige Art immer wieder minutenlang Applaus ein. Die fünf Musiker bilden allein schon durch ihre weißen Anzüge einen optischen Anreiz. Ihr rotziger Punkrock auf Drei-Akkord-Basis ist eingängig. Mehr davon, das hat so wirklich gerockt.
Anders dagegen COHEED AND CAMBRIA. Die Amerikaner haben musikalisch gesehen sehr hohe Qualitäten. Das wissen sie auch. Selbstverliebt nervten sie das Publikum mit ewig hinausgezögertem Gitarrenspiel. Zwar auf erstklassigem Niveau. Unterhaltsam und mitreißend war das aber auf keinen Fall. Eher langweilig, lethargisch, zu einseitig, ohne Pfeffer. Eine bessere Liedauswahl hätte da geholfen. Neue Fans dürften die New Yorker bei Rock am See nicht hinzugewonnen haben. Gut eingeheizt hatten dafür die Schweizer von SNITCH. Lässiger Melodic-Punkrock von lässigen Typen. Das hat gefallen.
www.suedkurier.de

Philipp
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Beitrag vom 03.09.2005
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