TUSKA 2005 - TAG3: ACCEPT   SENTENCED   CHILDREN OF BODOM   TURMION KÄTILÖT   SKYCLAD     
17.07.2005 @ Kaisaniemi, Helsinki

Der dritte und leider auch schon letzte Tag begann mit meinem, beziehungsweise DEM musikalischen Fund dieses Sommers: TURMION KÄTILÖT. Wie schon im Ruisrock-Review beschrieben, vereinen die Hebammen des Verderbens die besten Elemente von RAMMSTEIN oder ROB ZOMBIE, ohne den Verdacht aufkommen zu lassen, sie wollten diese kopieren. Dazu kommen noch die finnisch gehaltenen Texte, die zwar vielleicht auf den ersten Blick ziemlich primitiv erscheinen, bei näherem Anbetracht aber um Welten mehr drauf haben als zum Beispiel „Reise, Reise Seemann reise“ oder „1, 2, 3 , 4, 5,…Hier kommt die Sonne“. Allein schon das einzige Lied, das ich vor dem Sommer von TURMION KÄTILÖT gekannt habe zeigt, dass hinter den obskuren Verkleidungen der Männer aus Kuopio zumindest teilweise intellektuelle, kreative Köpfe stecken müssen. Dieses eine Lied nennt sich „Paha ihminen“ („Schlechter Mensch“) und beinhaltet folgende Textzeilen, die so herrlich aufzeigen, dass der Mensch zu blöd für diese Welt ist: „Ja niin taas tapahtui, ihminen itsensä jumalaksi muutti“, was soviel heißt wie „Und so ist es wieder geschehen, dass der Mensch sich zu einem Gott gemacht hat“ und „Kun viimeinen aika koittaa ja taudit maata valloittaa, taas nämä jumalat vaikeroi, kun lihaa enää syödä ei voi“, frei übersetzt „Wenn der letzte Tag angebrochen ist und die Krankheiten das Land erobern, jammern diese Götter, weil man kein Fleisch mehr essen kann“.

Abgesehen von diesen wunderbaren Wortspielchen haben TURMION KÄTILÖT auch auf der Bühne mehr als genug zu bieten. Ihre schrägen Outfits (siehe Photos), ihre Live-Performance (zu Beginn zerrte einer der beiden Sänger den anderen an einer Leine auf die Bühne) und Sänger Tuomas’ zahlreiche, überall am Körper verteilte Sicherheitsnadelpiercings machen es auch beim besten Willen nicht leicht, die Show so leicht zu vergessen. Allerdings ist es zu Entblößungen sondergleichen wie am Ruisrock nicht gekommen, Tuomas behielt seinen Latexkilt an…
Tuomas’ Gedanken zum Tuska findet man übrigens unter „Interviews“.
CHILDREN OF BODOM kamen wie am Ruisrock auch am Tuska durch das ständige Herumposen etwas herablassend rüber, was aber einen total falschen Eindruck von der Band gab, wie sich beim Interview mit Frontmann Alexi Laiho herausgestellt hat (*siehe „Interviews“, blabla…*). Dass ihr Auftreten und ihre Musik möglicher Weise mehr und mehr auf das schwankende Gemüt von höchstens 18-Jährigen ausgerichtet wird und auf die Kommerzschiene zuwankt mag wohl stimmen, trotzdem werden die meisten, die so denken zugeben müssen, dass Alexi sein Handwerk auf der Gitarre beherrscht.

Die Folkmetaller SKYCLAD, die kurzerhand für BAL-SAGOTH einsprangen, konnten uns so sehr mitreißen, dass wir nach kurzem Fotoshooting den Backstagebereich dem weiteren Konzertverlauf vorzogen. Um diese Aussage jetzt jedoch nicht negativer klingen zu lassen als sie sollte: mir haben sie ehrlich gefallen, vor allem die Geigenparts fand ich nach beinahe drei Tagen fast durchgehender Gitarrenmusik sehr abwechslungsreich, nur hat mein Interesse nicht dazu gereicht, dem gesamten Gig beizuwohnen.

Zum wahrscheinlich allerletzten Mal sahen wir danach die Trauergesellschaft SENTENCED. Wie am Ruisrock merkte man den Spielmannen an, dass es ihnen sehr am Herzen lag, den Fans noch einmal ihr Bestes zu geben. Ganz reichte der Auftritt der Band vielleicht nicht an jenen in Turku heran, dennoch wurde man trotz strahlenden Sonnenscheins unweigerlich in den kalten Dunst & die Tragik des Abschieds gezogen und als das Quintett nach ihrer Spielzeit samt Sarg abzog, war tiefe Betrübtheit im Publikum zu bemerken.

Für den Herbst ist noch eine kurze, finale Tour in Finnland geplant, danach ist das Ende des Weges dieser herausragenden Band aber endgültig erreicht. Für ein letztes Interview war Sänger Ville Laihiala nach dem Auftritt leider nicht mehr zu haben, da er der Plattenfirma versprochen hatte, nur in nüchternem Zustand Fragen zu beantworten…

VIIKATE, die Metal-Schlagerstars des finnischen Volks starteten mit einer eigenen, natürlich finnischsprachigen Version von „Night of the Vampires“, die der Band äußerst gut zu Gesichte stand. Ich kenne die Band auf CD schon lange, habe sie aber erst am Tuska das erste Mal live gesehen. Vielen, die zum ersten Mal einen Auftritt von ihnen bewundern dürfen, geht es wohl so ähnlich wie mir: ich fing an zu schmunzeln, als die sehr charmant wirkenden Musiker in finnischer Schlagermanier in schwarzen Anzügen und nobel gestylt die Bühne betraten. Und genau das wollen VIIKATE vermutlich erreichen. Sie sind ganz bei der Sache, spielen durchaus ernstzunehmende Musik mit ernsten Texten, aber posen auf der Bühne was das Zeug hält und das mit einem unübersehbaren Zwinkern im Auge. Für Freunde der „Wenn die Musi’ spielt“-Sparte sind VIIKATE trotz unter leichtem Schlagereinfluss entstandener Musik nicht zu empfehlen, alternative Metalheads dürften aber ihr Fressen an der Band finden.

ACCEPT war auch so eine Band, bei der ich eigentlich keinen Schimmer habe, was man über sie schreiben kann und auch keinen Plan habe, warum ausgerechnet sie als Headliner auftreten durften. Dem Tuska Magazin entlese ich, dass die Band seit cirka 30 Jahren existiert, und um ehrlich zu sein, für mich hören sie sich auch danach an, was nicht an ihrer Musikrichtung liegt, sondern eher daran, dass sie meiner Meinung nach ziemlich müde und ausgelaugt wirkten. Außerdem verstehe ich den Trend nicht, dass sich Bands auflösen, um dann irgendwann wieder aus dem Sarg zu steigen, als Auferstandene gefeiert zu werden, ein paar Alben aufzunehmen, einige Gigs zu spielen, um dann womöglich nach ein paar Jährchen wieder den Deckel draufzuhauen, weil sie merken, dass das doch nichts mehr für sie ist. Geht ihnen denn allen in der musikalisch untätigen Zeit die Kohle aus, oder wieso passieren heutzutage so viele Wiedergeburten?
Falls jemand nun auf die Idee gekommen sein sollte, ich hätte etwas gegen die ältere „Bandgeneration“ hat er sich gewaltig getäuscht, nur ist es auch falsch im Vorhinein anzunehmen, dass „die Welt automatisch früher besser war“ und deshalb die musikalischen Qualitäten eines Orchesters proportional zu den Bandbestehensjahren steigen.

Das Tuska ist definitives Hauptevent eines finnischen Metaller-Jahres. Es scheint so als hätte nahezu jeder Konzertbesucher das ganze Jahr dafür gespart, um ja sicher zu gehen, für diese drei Tage genug Zaster für Alkohol zu haben und sich mit Band-T-shirts einzudecken zu können. Aber ebenso ist es für jede dort auftretende Band eine Ehre, die Bühne betreten zu dürfen, wird doch von vielen Artisten das Publikum am Tuska als das beste überhaupt gehalten. Alle scheinen zufrieden zu sein, gehen freundlich miteinander um und es denkt bis auf seltene Ausnahmen niemand daran, den Securityleuten mehr Arbeit als unbedingt notwendig zu machen.

Trotz des gesitteten Ablaufes des Festivals und keinerlei bisherigen besonders besorgniserregenden negativen Folgen für die Stadt und Stadtbewohner könnte das jährliche Leiden schon bald ein Ende nehmen. Finnlands Behörde für Umweltschutz hat bekanntgegeben, dass ihre notwenige Genehmigung um ein derartiges Open Air zu veranstalten im kommenden Jahr nicht mehr zu erwarten sein wird. Wegen 2(!) Lärmbelästigungsbeschwerden steht die Zukunft des Metalfestivals nun an der Kippe.

Meiner Meinung nach wäre von der Umweltschutzbehörde gerade Gegenteiliges zu erwarten. Ist es denn besser, ein Festival zu organisieren, das zwar keinen Menschen stört, weil es in der „Pampa“ abgehalten wird, dafür aber der Natur einen beträchtlichen Schaden zufügt? Es hat schon seinen Grund, dass das enorm große Ruisrock-Gelände eigentlich Natura 2000- Schutzgebiet ist…
Anderes, in Anbetracht der Tatsachen haarsträubendes Beispiel. Provinssirock, das auch als eines der besten Finnland-Festivals gilt, zahlt laut dem offiziellen „Tuska 2005 Magazine“ für die Benutzung des Standorts um die 1400 Mal weniger als die Tuska-Organisation und hat schon für 25 Jahre im Vorhinein die Genehmigung, Leute mit Lärm zu belästigen…

Wie dem auch sei, im Herbst entscheidet sich, ob die schräg & schwarz gehaltene Menschenmasse ihre masochistische Sucht auch weiterhin in Kaisaniemi ausleben darf, oder ob sie auf ein alternatives Rauschmittel zurückgreifen muss…

In Zusammenarbeit mit Harald


FOTOS + E-CARDS
www.tuska-festival.fi

Kristina
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Beitrag vom 06.09.2005
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