ANKKAROCK 2005 - SONNTAG - NIGHTWISH   FRANZ FERDINAND   WITHIN TEMPTATION UVM.  
07.08.2005 @ Korso, Vantaa - Finnland

Mein letzter finnischer Festivaltrip dieses Jahres führte meinen Cousin und mich für einen Tag nach Vantaa, einer Satellitenstadt, die cirka 25 Minuten mit dem Zug von Helsinki entfernt liegt und als eines seiner „Sehenswürdigkeiten“ Finnlands größten Flughafen beherbergt.
Das Ankkarock stellt jedes Jahr den Abschluss der finnischen Rockfestivals im Sommer dar. Seinen Namen hat es von einem kleinen Teich, „Ankkalampi“, „Ententeich“, der sich inmitten des besonders großen Festivalareals befindet. Das Festival wird von derselben Organisation wie das Ruisrock auf die Beine gestellt und das merkt man. Man findet dieselben Stände, Arbeiter, Bandansager (u.a. das „Tervakosken kesäteatteri“, eine Zweimanntruppe, die vor jeder Band einen Sketch aufführte), Zusatzattraktionen (z.B. Bungee-Jumping) und auch die Bands sind zum Teil dieselben wie in Turku. Vor allem das Programm vom Samstag, dem ersten Ankkarock 2005-Tag, zeigte gewaltige Übereinstimmungen mit dem vom Ruisrock, weshalb ich mich entschied nur den Sonntagskonzerten beizuwohnen und mir die Frage stellte, ob sich die Organisation durch das sich wiederholende Angebot an Bands nicht ins eigene Fleisch schneidet.
Auf jeden Fall gab es am Ankkarock eine Sache, die mich schon sehr fasziniert hat und die am Ruisrock leider gefehlt hat, nämlich einen Container, den man zu einem kleinen Geschäft umgewandelt hatte und der so ziemlich alle lebenswichtigen Dinge (außer Bier ;) zu einem normalen Preis verkaufte und obendrein noch eine Mikrowelle bereitstellte, um die erworbenen Nahrungsmittel aufwärmen zu können.
Bühnen gab es ebenso viele wie am Ruisrock, also drei und genauso wie dort überschnitten sich die Spielpläne so mancher guter Band zeitlich, was wieder mal dieses typische „Riesenfestival-Manko“ ans Tageslicht bringt.

DISCO ENSEMBLE, mit ihrem neuen Longplayer „First Aid Kit“ im Gepäck boten uns den Auftakt des Tages. Diese dynamische EmoRock-Band aus Tampere könnte so manchen unserorts sogar bekannt sein, denn sie beehrte die Wiener Arena vor einigen Monaten. Trotz des relativ jungen Alters der Bandmitglieder existiert die Gruppe seit acht Jahren und dass die Burschen in dieser langen Zeit musikalisch aufeinander zuwachsen konnten, merkt man an der lebendigen Bühnenperformance. Dazu trägt natürlich der wie unter Stromstößen sich bewegende Sänger einen großen Teil bei, aber außergewöhnlich aufgefallen ist mir auch der Schlagzeuger der Band, der es irgendwie schaffte, sich aktiver als so manch’ anderer Trommelkollege in das Geschehen einzumischen. Vom neuen Album wurden unter anderem „We might fall apart“, „Drop Dead, Casanova“ und „This is my Head exploding“, das der Sänger Bassist Lasse widmete, da dieser vor einiger Zeit dessen Mikro auf einem Gig mit voller Wucht auf den Kopf bekommen hatte und deswegen genäht werden musste, mit einer Finesse dargeboten, die bestimmt noch ein positives Nachspiel für die Band haben wird.

SONATA ARCTICA waren gerade vom Wacken zurückgekehrt und dementsprechend gut drauf. Dargeboten wurden unter anderem „Full Moon“, „Weballergy“, „Black Sheep“, „My Land“, „The Cage“, „Blinded no more“, „My Selene“ und natürlich die neuesten Singleauskopplungen „Don’t say a word“, „Shamandalie“ und noch vom 2003er-Album „Victoria’s Secret“, das von Tony mit den Worten „Mögt ihr Frauenunterwäsche?“ angekündigt wurde. Knapp vor dem Gig, um dem Publikum die Wartezeit zu verkürzen wurde wie vor jeder „größeren“ Band ein kurzes Interview auf riesengroßen Leinwänden übertragen. In SONATA ARCTICAs Fall fragte man Keyboarder Henkka nach dem schlechtesten Zwischenspeak, den Sänger Tony von sich gegeben hatte, woraufhin dieser auf ein Konzert in England verwies, auf dem der Frontmann zwischen zwei Songs nach einem Whiskey-Cola für Henkka verlangt hatte. Und ja, die angebliche Trinkfestigkeit dieser Herren nimmt man ihnen durchaus ab, der Auftritt wurde wie gewohnt mit „We need some Wodka“ und einem bandinternen Anstoßen mit Wodkaflaschen beendet.

JONNA TERVOMAAs Auftritt haben wir zwar nur einige Minuten begutachtet, aber da sie bereits am Ruisrock aufgetreten ist und in unseren Ausführungen komplett unterschlagen wurde, soll sie hier kurz erwähnt werden. Die junge, originell wirkende Frau ist eine, in Finnland ziemlich bekannte Rockmusikerin in deren Songrepertoire einige (wenn auch nicht nur) empfehlenswerte Lieder gehören, die eher im langsameren Bereich angesiedelt sind (zum Beispiel „Rakkauden haudalla“) und deren Schönheit sich aber vermutlich erst durch das Verstehen der zugehörigen Texte eröffnet. Prinzipiell ist ihre Live-Show weniger originell, wenn man aber die Gelegenheit dazu hat, sollte man der feenhaften Dame aber durchaus wenigstens kurz ein Auge und ein Ohr schenken.

ZEN CAFÉ sind genauso wie JONNA TERVOMAA nur in Finnland bekannt, und zwar als Sozialkritiker mit Humor und Charme, deren Musikstil ich am ehesten als Sonntagspop bezeichnen würde. Sie sind zwar nicht musikalisch, aber als einzelne Charaktere eine seltsame Band, allen voran Sänger Samuli Putro, der für seine besonders ausgefallenen Zwischenspeaks bekannt ist. Und genauso wie die Formation eigenartig ist, so sind es auch ihre Fans. So hatte ein Mädel der vorderen Reihen ein Poster mit der Frage „Putro, darf ich an dich denken?“ angefertigt, auf die der Sänger nach Bemerken der Aufschrift antwortete: „Natürlich darfst du an mich denken, allerdings nur wenn du mir versprichst, dass du nicht zu verrucht denkst, weil dein Freund hinter dir mich schon so böse anschaut.“ Ansonsten war der Auftritt aber ziemlich unspektakulär und auch nicht wirklich das, was das Herz eines Freundes von Musik der etwas härteren Gangart höher schlagen lässt.

WITHIN TEMPTATION durften wie bereits auf dem Ruisrock bei strahlendem Sonnenschein auftreten und wie schon dort war ich von den Livequalitäten der Band überrascht, weil mich das Material auf den Alben nicht sonderlich zu begeistern vermag. Auf der Bühne kann Sharon von ihrer Stimmgewalt überzeugen und die Show wird bombastisch aufgezogen. Allerdings darf man die Band nicht zu oft sehen, denn mit der Zeit wird auch eine gleichmäßig gute Performance mit nur wenig Veränderung langweilig und daran können auch die Specialeffekte nichts ändern.
Das finnische Publikum liebt sie aber so oder so, auch wenn Sharon nach zwei Finnlandaufenthalten immer noch ein „Kiitosch“ statt „Kiitos“ für Danke von sich gibt, weshalb der Truppe während des Auftritts eine goldene Schallplatte für „The Silent Force“ (15000 verkaufte Alben) überreicht wurde.

FRANZ FERDINAND haben mich um ehrlich zu sein ein wenig enttäuscht. Ich habe mir, infolge eines im letzten Jahr unerwartet aufkommenden Sommer-, Wonne-, Sonnenschein-Gefühls das gleichbetitelte Debütalbum zugelegt und war überrascht, dass es mir trotz seiner Einfachheit nicht so schnell auf die Nerven gegangen ist wie anfangs vermutet. Aber live macht sich dann die durchschnittlich kurze Songdauer von ca. drei Minuten doch etwas negativ bemerkbar, vor allem wenn die Lieder eins zu eins wie auf dem Album vorgetragen werden. Die Band, die für mich in den Videos und Interviews gekonnt aufgesetzt schwul und beneidenswert exzentrisch wirkt, konnte zumindest am Ankkarock nicht ihre besten Aspekte darbieten, wobei hauptsächlich die große Bühne und die Publikumsferne ihre Eigenartigkeit nicht bestmöglich zur Geltung kommen ließen.

APOCALYPTICA, wie immer mit dem vierten Cellisten Antero und Drummer Mikko im Gepäck hatten am Tag davor bei der Eröffnung der Weltmeisterschaften in Helsinki „Quutamo“ performt. Trotz soundtechnischen Problemen und einer für sie zu klein geschnittenen Bühne legten sie am Ankkarock ein astreines Set ab, das sogar noch den Tuska-Auftritt überbot. Die Setlist war ungefähr gleich angelegt wie bereits im April in Wien und am ebengenannten Open Air Metal Festival, aber trotzdem ist die Performance, insbesondere die Spielgeschwindigkeit, die die Celloabuser bei Songs wie „Betrayal/Forgiveness“ vorgeben immer wieder aufs Neue verblüffend.

Der Hauptact des Abends waren NIGHTWISH, die zwar in ihrer Heimat schon lange einen großen Namen haben, aber durch „Once“ noch mehr an kreischenden & Bühne belagernden Fans gewinnen konnten. So stellte auch eine Karikatur-Tarja in Entenform das diesjährige Festivallogo dar, das sich in den Jahren zuvor mit einem Enten-RASMUS-Lauri und einem Enten-HIM-Ville, aufgedruckt auf Festival-T-Shirts vermarkten ließ.
Die Band selbst ist ja prinzipiell meiner Meinung nach immer anschauenswert, allerdings hat die lange Tourerei scheinbar ihre Spuren hinterlassen und sie absolvierten den Ankkarock-Gig nicht in Topform. Vor allem Marcos Stimme wirkte etwas kraftlos und noch um einiges kratziger als normal.
Als absolutes persönliches Highlight der Show würde ich das von Tarja (die übrigens während der Show einmal ihr Outfit wechselte) allein dargebotene „Kuolema tekee taiteilijan“ erwähnen, das von der Atmosphäre nicht perfekter zu der abendlichen Melancholie-Stimmung eines finnischen Sommerabends hätte passen können.
Nach dem Gig gab’s, von NIGHTWISH gesponsert ein kurzes Feuerwerk. Mir persönlich wär’s lieber gewesen, sie hätten statt dessen noch einige Songs, vielleicht mal zur Abwechslung älteres Material, zum Beispiel von der „Oceanborn“ zum Besten gegeben. Nichtsdestotrotz war es wieder mal ein gelungener Auftritt.
NIGHTWISH spielten am Ankkarock ihren vorletzten Finnland-Gig vor der eineinhalbjährigen Pause, die nach dem letzten Auftritt am 21.10. in der Hartwall Arena in Helsinki zusammen mit SONATA ARCTICA beginnt.

MIRROR OF MADNESS hieß die Band, die eigentlich nur als erste des Tages spielen sollte, aber aus irgendeinem Grund auch irgendwo zwischendurch ein kurzes Set einlegte und unbedingt erwähnt werden sollte. Mein erster Gedanke als ich auf die Bühne zu diesem Orchester hinaufschaute war so ungefähr: Hmm, geile Musik, aber kommt die vom Band oder wieso sieht man niemanden auf der Bühne? Dann ging ich näher und sah erst, dass dort oben doch jemand stand - ein paar Gestalten, die ich wegen ihrer geringen Körpergröße zuerst nicht gemerkt hatte, die aber wie die Großen ihre Instrumente bearbeiteten. MIRROR OF MADNESS sind nämlich die Gewinner des offiziellen Ankkarock-Wettbewerbs „Ankanpoikarock“(= Entenkükenrock), das jedes Jahr nach extrem jungen Musik-Talenten sucht und dieses Mal die besten in der Schule von Korso, Vantaa gefunden hatte…Und, bist du deppert, die haben’s mit ihren zehn bis zwölf Jährchen am Buckel schon echt drauf. Ihr Stil geht irgendwo in die CHILDREN OF BODOM- und auch, *surprise, surprise* NORTHER-Richtung, wenn auch das Ganze von den Grünschnäbeln fast noch härter dargeboten wurde. Ist DAS die neue Musikergeneration, sollte sich niemand mehr Sorgen über die Fortführung der Metaltradition machen müssen.

Als Konklusion meines Ankkarock-Tages würde ich das Festival jedem empfehlen, dem es egal ist, dass das Ankkarock von den Artisten her vielleicht doch eher auf das jüngere Publikum maßgeschneidert ist, der sehen möchte, wie die Finnen Feste feiern, der eine angenehmere und vielleicht auch besser organisierte Version des Ruisrock erleben möchte, und der außerdem die, infolge des größeren Areals bestehende breitere Auswahl an Büschen zum Anpinkeln schätzt…


In Zusammenarbeit mit K. Heikkilä


FOTOS + E-CARDS
www.ankkarock.fi

Kristina
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Beitrag vom 24.09.2005
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