DEICIDE   VISCERAL BLEEDING   WYKKED WYTCH   PROSTITUTE DISFIGUREMENT  
08.11.2005 @ Planet Music

Ahhhh, DEICIDE! Kaum eine Band steht so repräsentativ für den blasphemischen, ungehobelten Satanisten-Death Metal, der alle Klischees mit solcher Konsequenz erfüllt, dass es sich der bornierteste, ängstlichste Volksschul-Religionslehrer nicht besser ausmalen könnte. Eine Band, die aus gewissen personellen Gründen nicht immer für überschwellende Sympathie sorgen konnte, aber gerade durch die launische Unverkennbarkeit von Oberspinner Glen Benton so einzigartig ist. Apropos Line-Up: Dies sollte das erste Wiedersehen ohne die Hoffman-Brüder sein, die erste Umbesetzung in der Geschichte von DEICIDE überhaupt. Jack Owens (Ex-CANNIBAL CORPSE) und Ralph Santolla (Ex-DEATH, ICED EARTH) haben die Posten an den Klampfen übernommen, zumindest vorerst für Live-Zwecke, denn eigentlich war ein Einstieg der VITAL REMAINS-Gitarristen angekündigt. Jedenfalls herrschte deswegen eine gewisse Anspannung: Ist’s jetzt immer noch so richtig DEICIDE? Doch zuerst zu den Vorbands.

Dass PROSTITUTE DISFIGUREMENT gleich um 20:00 eröffnen mussten, war ein kleiner Skandal, denn für die undankbare Opener-Position waren die Jungs viel zu gut: Sehr konsequenter Brutal Death – schnell, brutal, aggressiv, eingängig und natürlich mit zünftigem Gegrunze unterlegt. Dass bahnbrechende Innovationen in den engen Grenzen dieses Genres nicht eben leicht zu erzielen sind ist kein großes Geheimnis, aber darauf kam es hier auch nicht wirklich an; PROSTITUTE DISFIGUREMENT machten einfach Laune und hatten dementsprechend die Banger auf ihrer Seite – nach DEICIDE wohl die beste Band des Abends. (Muss mich dem Kollegen anschließen, auch wenn ich alles andere als ein Brutal Death-Fanatiker bin, muss ich ganz klar sagen, dass PROSTITUTE DISFIGUREMENT auf der ganzen Linie überzeugen konnte. Spieltechnisch top, und eben durch das gewiefte Einstreuen von durchaus frisch wirkenden Melodien, konnten sie sich gut aus dem Brutal-Sumpf herausheben! – Anm. Gore)

WYKKED WYTCH hingegen positionierten sich nicht nur beinhart an und jenseits der Grenze der Peinlichkeit, sondern wirkten an diesem Abend darüber hinaus schwer deplaziert – welcher Jünger des brutalen Death Metal brauchte schon einen CRADLE OF FILTH-Verschnitt? Zwar kann man nicht abstreiten, dass WYKKED WYTCH spielerisch ganz okay sind, aber das lauwarme Pseudo-Black-Gedudel inklusive seltsam Power-metallisch anmutender Ausflüge der Vokalistin konnte kaum einen vom Hocker hauen.

Mit VISCERAL BLEEDING ging es dann dankenswerter Weise wieder in die Marschrichtung von PROSTITUTE DISFIGUREMENT, wenn auch bei weitem nicht so intensiv wie bei diesen: VISCERAL BLEEDING machten ihre Arbeit solide, mit teilweise recht deutlichen Hardcore-Anleihen (gleich zwei Wollhauben-Träger in der Band – das sagt doch einiges), letztlich vermisste ich aber die wirklich mitreißenden Teile, durch die auch in die DYING FETUS-Richtung tendierender Hardcore-Death mein Herz erwärmen kann. „Let’s start a fight!“ forderte der Grunzemann, richtige Action kam aber erst bei DEICIDE auf.

Neben der Umbesetzung besteht die größte Neuerung im Hause DEICIDE darin, dass Glen Benton angeblich (zumindest für seine Verhältnisse) zu einer gewissen innerer Ruhe gefunden haben soll: Mister In-Kühlschränke-scheißen und Publikum-von-der-Bühne-aus-verpügeln soll fast schon zufrieden sein. O-Ton Benton: "Things are going good." Pfff, wie untrue – dennoch steht Herrn Glen der sanfte Wandel vom Ultra-Rabauken zum Altrocker (inklusive Kürzung des Haupthaars und wiederum recht respektabler Ausweitung des Körpervolumens) nicht schlecht:

War Benton beim DEICIDE-Gig am Anti-X-Mas noch mit einem Ingrimm auf die Bühne gestampft, der schon gewisse Sorgen über seine Absichten aufkommen ließ (abgesehen davon, dass er sich nur in Knurr-Lauten zu äußern geneigt war), so schlenderte er diesmal fast schon nonchalant auf die Bühne, hängte sich einen recht rockig wirkenden Bass um (statt dem gewohnten zackigen Ungetüm), und legte grinsend los. (Na bitte, was heißt da rockig wirend? Ein Rickenbacker ist wohl neben dem Fender Precision der klassischste Bass im Rock und Metal überhaupt! Definitiv kuhl, auch wenn man wie immer herzlich wenig von des Meisters Bassspiel gehört hat. – Anm. Gore) Die erfreuliche Erkenntnis: DEICIDE können es noch, o ja – und auch mit den neuen Gitarristen ist es ganz klar noch DEICIDE. Wenig verwunderlich wurde mit „Scars of the Crucifix“ begonnen, und das Material von der aktuellen CD wirkte auch durchaus charmant. Freilich aber kein Vergleich zu den Nackenbrechern aus klassischen Zeiten: „Serpents Of The Light“, „Once Upon The Cross“, „Dead But Dreaming“, „Deicide“ – da kam die wahre Freude auf, es durfte gebangt, mitgegröhlt und gemosht werden.
Der Wermutstropfen: Einige unglückliche soundtechnische Probleme! Santollas Gitarre erzeugte zwischenzeitlich gar kratzige Töne und war viel zu laut, wodurch Asheims fanatisches Geprügel und auch der Höllenschlund Bentons sehr matschig und unklar wirkten. Owens war dementsprechend eher schlecht zu vernehmen, wobei ich aber sagen muss, dass mich der Typ noch nie überzeugt hat, steht einfach viel zu gelangweilt herum; und warum spielt jemand, der CANNIBAL CORPSE verlässt, weil ihm der Death Metal nicht mehr zusagt, bei DEICIDE? (Aber geh, im Vergleich zu seiner Statik CANNIBAL CORPSE-Zeiten möchte man meinen, er ist auf der Bühne nachgerade umhergehopst hrhr – Anm.Gore)
Egal, die Probleme milderten sich, und es ergab sich das riesige Glück im Unglück, dass die meines Erachtens klassischsten aller DEICIDE-Klassiker, nämlich die von ihrem Debut, gegen Ende des Sets positioniert waren. Die „Legion“ kam dafür etwas zu kurz, aber damit kann ich leben, dass auf die hässlichen Entlein „Insineratehymn“ und „In Torment In Hell“ völlig verzichtet wurde ist eh verständlich (außer eventuell bei „Biblebasher“). DEICIDE zockten ausführlich, Benton meinte sogar „Thank you, thank you very much“ (sic!), und am Ende gab es zwei (!!) Zugaben. Und – oh Wonne! – geschlossen wurde mit „Deicide“ selbst – von DEICIDE: „No Lord shall stand before myself!“ – Nieeemals!!! Außer vielleicht Glen Benton und seine Truppe, und wenn er noch so alt und fett wird.



marian
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Beitrag vom 17.11.2005
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