LACUNA COIL   POISONBLACK – EIN JAHR NACH SENTENCED  
08.11.2006 @ Rohstofflager Zürich

Als sich SENTENCED auflösten, gab es viele Gründe für die Band, diesen Schritt zu tun. Einer davon war der Alkoholkonsum. Sänger Ville Laihiala gibt sogar auf der Funeral-DVD "Buried Alive" (Erscheinung Ende November) offen zu, Alkoholiker zu sein. An seiner neuen Wirkungsstätte als Sänger und Gitarrist von POISONBLACK sollte vieles anders werden. So ist es nun auch fast, wie Laihiala und Co. auf ihrer jetzt beendeten Tour mit LACUNA COIL unter Beweis stellten.
Es mutet schon komisch an, wie sich Laihiala auf der Bühne mit POISONBLACK gibt. Dieser bei SENTENCED noch charismatische Frontmann hat einiges von seinem Charme verloren. Mit Mütze auf der Bühne reiht er sich in die jungen, frischen und neuen Kollegen ein. Zu seinem Vorteil. Der finnische Hüne wirkt gelassener. Es tut ihm gut, mit POISONBLACK auf die Bühne zu treten. Es mag ganz klar die Folge daraus sein, dass Laihiala bei Null anfängt. SENTENCED war zu groß geworden, sagt sein alter Mitstreiter Sami Lopakka. Es war, trotz der Größe dieser genialen Band, zu routiniert. POISONBLACK haben ganz klar ihren Spaß auf der Bühne. Auch wenn sie bei der zurückliegenden Tour mit LACUNA COIL eindeutig zu kurz kamen. Nur knapp eine halbe Stunde ist zu wenig dafür, dass etliche Fans vor der Bühne nur wegen der Finnen gekommen waren. Auch der Ausstieg von LACRIMAS PROFUNDERE als Vor-Vor-Band hatte keine Auswirkung, dass POISONBLACK ihr Set ausdehnten. „Das ist die Zeit, die wir zur Verfügung bekommen haben“, sagte Drummer Tarmo Kanerva nach dem Konzert in Zürich. Dort endete die ausgedehnte Tour. Das war vor allem POISONBLACK anzumerken. Sie liefen zur Höchstform auf, ganz im Gegensatz zum Gig einen Tag zuvor in Stuttgart. In der baden-württembergischen Landeshauptstadt passte einiges nicht zusammen. Laihialas Stimme brach des Öfteren weg, es kam einfach keine richtige Stimmung auf. Abgeklärt spielten die Finnen ihren Set. Zwar mit einer gewissen frohen Leichtigkeit, das Ultimative war es nicht.
Einen Tag später in Zürich war es ganz anders. Ville Laihialas Organ hatte dieses sensationell düstere Flair wie zu SENTENCED-Zeiten. Das kam vor allem bei den Stücken der neuen Scheiben POISONBLACKs, „Lust Stained Despair“, zur Geltung. Auch wenn die Band nicht die besten Stücke davon spielte: sie schafften es immer wieder, den Spannungsbogen fast zum Reißen zu bringen. Laihiala bewies, dass er sich auch an der Gitarre gut macht, vor allem im Wechsel mit seinem Kollegen Janne Markus. Diese beiden Sechsaiten-Zupfer harmonieren erstklassig. Was die alten Stücke POISONBLACKS der ersten Scheibe, „Escapextasy“, betrifft, kommen auch diese mit Laihialas Organ gut rüber. Das war nicht selbstverständlich. Denn damals stand noch J.P. Leppäluoto (CHARON) am Mikro. Mit ihm fielen die Lieder etwas weicher aus. Das tut der Sache aber keinen Abbruch. Im Mix mit den neueren Stücken entsteht ein Gesamtgefüge, das einfach Spaß macht.
Vielleicht wäre es an der Zeit, SENTENCED auch im Geiste zu begraben, wenn es um POISONBLACK geht. Das fällt zugegebenermaßen schwer. Denn diese Band war so eng mit Laihialas erstklassigem Organ verbunden. Zudem ähneln sich die Stile POISONBLACKs und SENTENCEDs zu sehr. Die neue Formation müsste ganz neue Wege gehen, um diesen Zopf abzuschneiden. Das wird ihr nicht gelingen, solange Laihiala einen Großteil der Songs schreibt. POISONBLACK stört das nicht wirklich. „Es ist nun mal so, dass wir wegen Ville immer mit SENTENCED verglichen werden“, sagt Drummer Tarmo Kanerva, „das ärgert mich nicht“. Was als Fazit zu sagen ist: Ville Laihiala tut diese neue Band gut. Er fühlt sich sichtlich wohl, mit seinen Kumpanen von den Zuschauerreihen aus LACUNA COIL abzufeiern. Dass er die Sache mit dem Alkohol hinter sich hat, glaubt ihm keiner. Hatte er zwar während des Stuttgart-Konzerts noch Wasser getrunken, waren es in Zürich wieder Bier und höher Prozentiges. Vielleicht lag es auch daran, dass das Abschlusskonzert in der Schweiz besser war als einen Tag zuvor. Wie bei SENTENCED: je mehr Stoff er intus hatte, desto besser sang er. Das zeigt sich übrigens eindeutige auf der CD „Buried Alive“.

Alkohol oder sonstige Stimmungsmacher braucht Cristina Scabbia von LACUNA COIL nicht. Diese Frau ist ein Hammer. Ein solch ausgeprägtes und konstantes Organ sucht seinesgleichen in der Metalszene. Es kommt einem höchstens noch Anekke van Giersbergen (THE GATHERING) in den Sinn. Die ganzen rund eineinhalb Stunden lang brillierte die zierliche Italienerin mit ihrem grandiosen Organ, das einem wuchtvoll um die Ohren schlägt. Ihr Gesangskollege Andrea Ferro geht dabei fast unter. Beide ergänzen sich zwar gut. Aber solch ein Ausnahmesänger ist Ferro nicht mit seinen rauen Vocals. LACUNA COIL fanden eine gute, aber nicht sehr gute Mischung ihrer Songs. Es kamen eindeutig die älteren Stücke, vor „Unleashed Memories“, zu kurz. Dennoch kann der Bombast, den die Italiener auf die Bühne zaubern, mit Worten nicht beschrieben werden. Das alles gelingt aber nur durch grandiose Musiker. Kein Verspieler, alles präzise getroffen, kein Einsatz schlug fehl. Das war in Stuttgart so, das war in Zürich so. Die Band hat sich in den vergangenen Jahren stetig weiter entwickelt. Vor einigen Jahren standen die Musiker noch steif auf der Bühne, wirkten hilflos. Das alles ist vorbei. Die Italiener werden noch lange Bestand in der Metalszene haben, schon allein dadurch, dass sie ihren Stil nicht zu sehr dem Mainstream anpassten. Andere Bands schlugen einen weniger glückvollen Weg ein. Diese Band muss man auf der Bühne einmal erlebt haben. Hammer.


Philipp
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Beitrag vom 21.11.2006
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