SLIPKNOT  
06.12.2014 @ Izod Center, New Jersey

„Welcome to Izod Center! It is arena policy that you please do not bring into the arena: food, beverages, coolers, backpacks, large bags, laser pointers, and any other items deemed inappropriate by meadowlands management ..." - es folgen weitere Ausführungen die mit "... thanks for your cooperation and enjoy your visit at Izod Center" abgeschlossen werden.

Die Hausregeln des Izod Centers werden mantraartig wiederholt und die mechanische Stimme weckt dabei Erinnerungen an den Computer Hal 9000 aus dem Film 2001 Space Odyssey.

Es ist eine verregnete und stürmische Nacht in New Jersey.
Wir befinden uns in der 8.000 Leute zählenden Ortschaft East Rutherford. Die Megametropole New York City ist nah, 12km entfernt leuchten die Wolkenkratzer Manhattans.





1986 wurde die 20.000 Leute fassende Halle mit sechs Bruce Springsteen Konzerten eingeweiht und bis vor einigen Jahren war es noch die Heimatstätte beliebter Sport-Teams wie der New Jersey Nets (Basketball) und der New Jersey Devils (Eishockey). Die glorreichen Tage hat das Izod längst hinter sich, seit Jahren schreibt es rote Zahlen. Die Zukunft ist ungewiss.

So wie der überdimensionale Bau nun vor uns liegt, wirkt er wie aus dem All gefallener Schrott. Den Schlund geöffnet, bereit tausende Besucher der „Prepare for Hell Tour“ zu empfangen. Es ist der vorletzte Stopp der Tour und heute Nacht hauchen SLIPKNOT, die befreundeten KORN und die Newcomer KING 810 dem Izod Center Leben ein.

Erwartungsvolle Spannung liegt in der Luft als die Lichter ausgehen und "XIX" vom aktuellen Album "The Gray Chapter" über die Anlage ertönt. Die Blicke heften sich an den blauen Vorhang der den Bühnenaufbau verbirgt.

"With my face against the floor, I can´t see who knocked me out of the way"
("XIX")


SLIPKNOT haben den Sarg des verstorbenen Bassisten Paul Gray zu Grabe getragen. An jenem Tag spukte Shawn Crahan die Melodie zu "XIX" im Kopf herum, welche dann für das Album vertont wurde. Die melancholische Schwere des Songs breitet sich wie ein Leichentuch über den Köpfen der Zuschauer aus. Als "XIX" mit dem Schrei "Don´t let this fucking world tear you apart" endet, werden wir aufgerüttelt.
Zu den ersten Klängen von "Sarcastrophe" wird der Vorhang aufgerollt. Ein stimmungsvoller, epischer Einstieg.

"We are kill gods"
("Sarcastrophe")

Laut Sänger Corey Taylor bezieht sich diese Schlüssezeile aus "Sarcastrophe" darauf, dass SLIPKNOT alles zerstören wird, was sich ihnen in den Weg stellt. Es ist der Schlachtruf gegen die Zweifler der Band. Mit diesem Ungetüm walzt die Band gleich zu Beginn auf beeindruckende und kraftvolle Art alles nieder.





"What it´s like to be a heretic?"
("The Hertic Anthem")

Die Bühne wird in ein dunkles Rot getaucht, als der Countdown zum "Heretic Anthem" heruntergezählt wird. Das Härteniveau wird konstant hoch gehalten, auch ohne den Mann der den Refrain zu diesem Song getextet hat und Gründungsmitglied der Band war: Ex Drummer Joey Jordison. Der neue Mann hinter den Trommeln macht einen hervorragenden Job. Er bringt eine frische, treibende Energie in die Band, manche der Songs stecken 2014 sogar in einem scharfkantigeren Gewand als zuvor.

"Kill you, fuck you, I will never be you"
("My Plague")

Seit 2002 hatte "My Plague" keinen Fixplatz mehr im Set, nun erblüht der angepisste Bastard mit seinem super eingängigen Refrain wieder in altem Glanz und begeistert die Leute im Pit.

Neuerdings ist nicht nur das Percussion Kit von Shawn hydraulisch, auch jenes vom zweiten Percussionisten Chris Fehn sowie die Arbeitsplätze von Sampler Craig Jones und DJ Sid Wilson schrauben sich immer wieder mal meterweit in die Höhe. Sid hat an diesem Abend jede Menge Spaß von der zweiten Bühnenebene zurück zu seinem Pult zu springen. 2008 hat er sich bei einem Stunt auf der All Hope Is Gone-Tour beide Fersen gebrochen, das hat er überwunden. Zudem fasziniert Sid immer wieder mit Tänzen, die an einen Roboter auf Acid erinnern.





"Make amends, some of us are destined to be outlived"
("The Devil In I")

Jede Menge Flammen gibt es beim darauffolgenden "The Devil In I". Gegen Ende des Songs bricht die Musik abrupt ab, der sekundenlangen Stille folgt Coreys Schrei "So step inside!" und der Song stampft weiter, das kommt fett.

In Gestalt und Bühnenoutfit erinnert Corey Taylor anno 2014 an einen hässlichen Gnom. Bei "The Devil In I" zippt er - wie im Musikvideo - den oberen Teil seiner Maske ab. Die erste Hälfte der Show über trägt er eine kugelsichere Weste. Diese ist durchaus metaphorisch zu interpretieren. Nach dem unrühmlichen Abgang von Drummer Joey Jordison wurde er als Sprachrohr der Band schnell als Sündenbock angeprangert. Er wirkt giftig, bis zum Anschlag motviert und beweist, dass sowohl sein Gesang auch das Gebrüll stimmlich auf einem Top Niveau sind.

"Then fill your mouth with all the money you will save"
("Psychosocial")

Das groovende "Psychosocial", der einzige Song von "All Hope Is Gone" am heutigen Abend, wird 2014 einen Tick schneller und druckvoller gespielt.

Das Bühnebild: Im Zentrum prangt der übergroße Kopf einer zähnefletschenden und mit pupillenlosen Augen stierenden Ziege. Zur linken und zur rechten Seite des dämonischen Ungetüms räkelt sich eine Dame lasziv im Halloween Skelett Kostüm. Richtig, die Ziege wird von Plakaten des "Gray Chapters" Cover Artworks flankiert. Unter der geifernden Ziege ist ein riesiger Spiegel angebracht, auf welchen zeitweise Visuals projiziert werden und auf dem die Musiker zu sehen sind, wenn sie über die Stufen auf die zweite Bühnenebene marschieren. Auf den beiden Percussion-Sets wurde ein realistisch aussehender Ziegenkopf montiert. Die Optik erinnert an einen Düster-Karnval, Shawn hat als „Kunstdirektor“ der Band viele Ideen in den Aufbau der neuen Bühnenkonstruktion gesteckt.





"I´m bound to war with a target on my back
At least I´m ready for another attack"
("The Negative One")

Corey leitet den nächsten Song mit den Worten ein: "We just got fucking nominated for a grammy for that motherfucker (dabei schüttelt er ungläubig den Kopf), I don´t know how that fucking happened". Es ist tatsächlich kurios, dass SLIPKNOT mit diesem Brecher für einen Grammy nominiert wurden.
Das unheilvolle Sample zu Beginn des Songs verursacht ein seltsames Kribbeln im Magen, welches durch die einsetzenden Gitarren verstärkt wird und als Augenblicke später die Drums einsetzen und der Song in die Vollen geht, brechen die Dämme.

"I´m sick of being the butt of a cosmic joke
And I don´t get the punch line"
("Three Nil")

Slipknot spielen aktuell drei verschiedene Sets wobei jeweils ein Block mit vier verschiedenen Songs rotiert. Großartig, dass sich die Band erstmals dazu entschlossen hat, die Auswahl der Songs etwas unvorhersehbarer und frischer zu gestalten.
"Three Nil" ist einer dieser speziellen Songs im heutigen Set der Band, erstmals seit 2005 wird der Track wieder live gespielt.

"Insane - am I the only motherfucker with a brain?"
("Eyeless")

Mit dem Oldschool Psycho-Song "Eyeless" geht es weiter. Gitarrist Mick Thomson machen aktuell seine Rückenprobleme zu schaffen, in seiner Bewegungsfreiheit ist er eingeschränkt. Gitarrist Jim Root wirkt agiler denn je, er hat den Großteil des neuen Albums in Eigenregie komponiert und nach seinem Ausstieg bei STONE SOUR merkt man ihm die Spielfreude bei SLIPKNOT umso mehr an.

"I won´t let this build up inside of me"
("Vermilion")

Mit "Vermilion" wechselt die Atmosphäre ins düster-melancholische. Chris trägt während des Songs die Pinocchio-Maske verkehrt herum. Coreys verzweifelte Schreie am Ende des Songs "She isn´t real, I can´t make her real" gehen durch Mark und Bein.

Standen die Shows von 2011-2013 noch ganz im Zeichen des Tributs an Gründungsmitglied und Hauptsongwriter Paul Gray, wird im Jahr 2014 auf der Bühne kein Wort über den verstorbenen Bassisten verloren. Der Heilungsprozess ist abgeschlossen, der neue Bassist steht nun erstmals in der Öffentlichkeit. Machte er zu Beginn der Tour am Knotfest in Kalifornien noch einen zurückhaltenden Eindruck, ist er nun bereits ganz im SLIPKNOT-Kosmos angekommen.

Es folgt ein Block mit den ganz großen Mainstream Hits der Band welche begeisterte Euphorie entfachen: "Before I Forget", "Duality", "Wait And Bleed" und "Spit It Out".

Shawn trägt bei jeder Show der "Prepare for Hell"-Tour eine andere Maske. Das Ausgangsmodell ist zwar stets das gleiche, aber er verwandelt dieses von Show zu Show durch Zeichnungen, Farbakzente, Tücher, Haare, in eine komplett neue Maske. In einem aktuellen Rock-Hard Interview hat Shawn erwähnt, dass er es für denkbar hält, all diese einzigartigen Masken später einmal zu verkaufen. Ihm gefalle die Vorstellung, dass diese Masken in weiterer Folge wie Kunstwerke gehandelt werden und die Besitzer wechseln. Auffällig ist, dass seine Maske zum Tourstart noch sehr düster und morbide ausgefallen ist, im weiteren Verlauf der Tour wurde diese immer knalliger und bunter. Heute Abend wirkt Shawn mit dem roten Polkadot-Strumpf über der Maske und den bunt gestreiften Stutzen an Armen und Beinen, wie ein Clown in der Midlife Crisis.

"Cut, cut, cut me up and
Fuck, fuck, fuck me up"
("Custer")

Mit "Custer" wird das Finale eingeläutet. Der Neo-Klassiker verströmt die aggressive Attitüde der S/T-Ära und der stumpfe sowie prägnante Chorus ist ein sehr effektiver Moshpit-Schlachtgesang.

Mit "The Gray Chapter" sorgen SLIPKNOT für viel neue Härte und Wucht in der Setlist. Neben der melodischen Single "The Devil In I" bringen gleich drei kompromisslose Kracher ("Sarcastrophe", "The Negative One" und "Custer") vom neuen Album das Izod Center zum Beben.

SLIPKNOT gehen von der Bühne und das Publikum brüllt nach einer Fortsetzung der Show. Ich freue mich, dass ich mir das exklusive "Slipknot East Rutherford, New Jersey 2014" Konzertposter bereits vor der Show gesichert habe. Corey hat uns heute versichert, dass die „Prepare For Hell"-Tour eine der besten in seiner Karriere sei. Das kann ich unterstreichen: SLIPKNOT haben die Turbulenzen der letzten Jahre überstanden und sind mit hervorragendem Album und mächtiger Live-Show zurück im Rampenlicht.





"The whole thing I think, it´s sick"
("74261700027")

Das Intro des Debütalbums kündigt den Zugabenblock an. Die brachialen Klassiker "(Sic)" und "People = Shit" folgen und bringen den Pit zum toben, die Stimmung ist am Höhepunkt. Ein wütendes und mit Feuerbällen geladenes "Surfacing" beschließt ein großartiges Konzert.

Das Izod Center entlässt uns in den Regen. "Thanks for your visit at the Izod Center...", Hal gibt uns einen Abschiedsgruß mit auf den Rückweg nach New York.

Setlist:

XIX
Sarcastrophe
The Heretic Anthem
My Plague
The Devil in I
Psychosocial
The Negative One
Three Nil
Eyeless
Vermilion
Before I Forget
Duality
Wait and Bleed
Spit It Out
Custer
-
742617000027
(sic)
People = Shit
Surfacing
www.slipknot1.com

Antihero

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Beitrag vom 10.01.2015
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