Die Backstage Halle war zwar an diesem Dienstagabend nicht ausverkauft, aber gut gefüllt. LA DISPUTE haben im Rahmen ihrer Europatour zum im letzten September erschienenen Album „No One Was Driving the Car“ gespielt, und mit PIJN und VS SELF zwei Acts mitgebracht, die den Abend sauber aufgebaut haben.
PIJN aus Manchester haben den Abend eröffnet und das ohne ein einziges Wort. Kein Gesang, keine Ansagen, keine Unterbrechungen. Die primär instrumentale Band, bestehend aus Keyboard, Bass, E-Gitarre und Schlagzeug, hat stattdessen Post-Metal geliefert, der sich über die gesamte Setlänge aufgebaut und den Raum gefüllt hat, ohne ihn zu überladen. Ohne einen klassischen Frontmann hat das Schlagzeug die führende Rolle übernommen und dem Set seinen Puls gegeben. Ein Opener, der Vertrauen in die eigene Musik gezeigt hat. Mehr musikalisches Erlebnis als gewöhnliches Konzert.
Danach haben VS SELF aus Südkalifornien übernommen. Das Trio hat Screamo mit Emo-Einschlag gespielt, laut und direkt, und hatte sichtlich Spaß auf der Bühne. Die Band, bekannt für ihr 2020er Album „Everything Seems Better Now“, hat mit schreienden Vocals und schweren Instrumentals nicht nur musikalisch Gewicht gehabt, sondern auch textlich. Zwischendurch hat ein Tamburin dem intensiven Set einen unerwarteten aber sehr passenden Akzent verpasst. Die Band war sich der Ehre offensichtlich bewusst, sie haben sich mehrere Male für die Möglichkeit vor und mit LA DISPUTE zu spielen bedankt und als Vorbote für den Hauptact haben sie ihren Job mehr als erfüllt.
Dann LA DISPUTE. Das letzte Mal habe ich die Band kurz vor dem Release von No One Was Driving the Car im Nürnberger Hirsch gesehen. Damals nur mit ein neuen paar Singles im Gepäck, jetzt mit einer Setlist, die tief in die neuen Songs gegriffen hat. Die neuen Lieder, gezogen aus dem sensationellen konzeptlastigen Album haben live teilweise noch emotionaler und dringlicher geklungen als ihre Studioversionen. Jordan Dreyer klang live so gut wie eh und je.
Der Opener „I Shaved My Head“ hat sofort gepackt. Schon beim zweiten Song, „Man With Hands and Ankles Bound” hat sich Dreyer am Fuß verletzt. Was gefolgt ist, war ein Sänger, der den restlichen Abend humpelnd über die Bühne navigiert hat, aber ohne dass die Performance auch nur einen Moment darunter gelitten hätte. Dreyer hat sich auch mit verletztem Fuß kaum still gehalten, hat sich über die Bühne bewegt, gedreht, getanzt. Im Fotopit ist es beim dritten Lied „The Most Beautiful Bitter Fruit“ schwierig für mich geworden. Der Wildlife-Klassiker gehört zu meinen Lieblingssongs der Band und da den Fokus beim Fotografieren zu behalten war schwieriger als man glauben mag.
„Sibling Fistfight at Mom’s Fiftieth“, eines der stärkeren Lieder des neuen Albums, hat live genauso gut funktioniert wie erhofft. Zwischendurch hat sich Dreyer einen Moment genommen, um über das Konzert als Safe Space zu sprechen und darüber, dass es an jedem von uns liegt, diesen Safe Space auch nach draußen in die Welt zu tragen. Ein Thema, das sich durch die gesamte Tour gezogen hat: An allen Tourstopps hat die Band lokale Institutionen eingeladen Stände aufzustellen. Im Backstage an dem Abend waren Vertreter:innen von “Femizide stoppen!” vor Ort. Zwischendurch spielte die Band auch Lieder der älteren Alben “Panorama” und “Rooms Of The House” die in der Setlistreihenfolge sehr passend platziert waren.
„Steve“ hat live eine Energie getragen, die auf der Platte nur angedeutet wird. Aber das letzte Drittel des Abends war vermutlich das stärkste: „Why It Scares Me“, einer meiner absoluten Favoriten der gesamten Diskografie, direkt gefolgt von „I Dreamt of a Room With All My Friends I Could Not Get In“, das live richtig gut gekommen ist. Danach „Andria“, ein weiterer Klassiker, der seinen festen Platz in jeder LA DISPUTE-Setlist verdient hat.Worauf ich mich den ganzen Abend am meisten gefreut hätte war „No One Was Driving the Car“, der Titeltrack und mein Favorit des neuen Albums und eines meiner Lieblingslieder generell. Ich habe den Song auf der gedruckten Setlist auf der Bühne gesehen und bei vorherigen Konzerten der Tour hat die Band ihn gespielt. An diesem Abend leider nicht. Den Abschluss hat „Environmental Catastrophe Film“ gemacht, knapp neun Minuten, die den Abend mit der nötigen Wucht zu Ende gebracht haben. Danach ging es raus in die Münchner Nacht und zurück nach Linz.
Im direkten Vergleich mit HOT MULLIGAN, die am Vorabend auf derselben Bühne gespielt haben, war die Menge an diesem Abend deutlich verhaltener, ruhiger, zurückhaltender, was aber weder an der Band noch am Sound gelegen hat. Die Backstage Halle hat an diesem Abend ausgezeichnet geklungen, und LA DISPUTE haben eine Performance geliefert, die trotz Dreyers Verletzung nichts hat vermissen lassen.
Setlist LA DISPUTE:
I Shaved My Head
Man With Hands and Ankles Bound
The Most Beautiful Bitter Fruit
Scenes From Highways 1981-2009
Sibling Fistfight at Mom’s Fiftieth
Woman (reading)
King Park
View From Our Bedroom Window
Steve
Autofiction Detail
A Letter
Woman (in mirror)
Why It Scares Me
I Dreamt of a Room With All My Friends I Could Not Get In
Andria
Environmental Catastrophe Film
Der Abend war so schön, dass es mich am nächsten Tag nach Wien ins WUK zog, wo LA DISPUTE das letzte Mal 2012 gespielt haben. Damals mit einer kleinen Band namens TITLE FIGHT im Vorprogramm. Die Spannung war also groß, und die Wahrscheinlichkeit, dass der Abend heftiger als München werden sollte, nicht allzu gering.
Autor & Fotos: Anthony Seidl



