Die Schweden AVATAR haben sich von einer typischen Melodic Death Metal Band zur echten Sensation ohne Grenzen entwickelt. Über die Jahre haben die Schweden nicht nur ihren eigenen Sound gefunden und immer weiter ausgebaut, auch live hat man schon länger Headliner-Potential. Wir trafen uns mit dem charismatischen, reflektierten und smartenFrontmann und Bühnenclown Johannes Eckerström zum sehr interessanten Plausch, den Johannes auf Deutsch führte, über die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.
Hallo Johannes, vielen Dank, dass du dir heute wieder Zeit für uns genommen hast. Du bist heute schon geschminkt. Wie lange dauert es das MakeUp aufzulegen und ist das Abschminken die schlimmere Prozedur?
Nach einer Show ist das Abschminken nicht so schlimm, weil ich viel schwitze und das Ganze dann von selbst runtergeht. Das Schminken selbst dauert eigentlich nur so 15 Minuten und ich mache es immer länger vor der Show, denn das Ganze ist für mein ein Prozess, der zirka zwei Stunden dauert. Ich brauche eigentlich nicht so viel Zeit, aber es geht nicht nur darum fertig zu werden, sondern auch fertig zu sein.
Das Vocal-WarmUp startet ungefähr eine Stunde vor dem Auftritt. Aber ich höre auch immer ein paar Lieder bevor ich auf die Bühne gehe. Und wir versuchen das immer thematisch passend auszuwählen. Heute hören wir wahrscheinlich FALCO zum Beispiel. (alle lachen)
Ok, guter Plan! Wie lief die Tour bisher und gibt es schon echte Highlights zu vermelden?
Ja, dieses Mal ist schon einiges passiert. Zum Beispiel Foodpoisoning, also eine Lebensmittelvergiftung. In England habe ich das bekommen. Darum sind drei Shows ausgefallen, aber das ist alles schon gelöst und die werden im Herbst nachgeholt. Das war der wohl teuerste Toilettenbesuch meines Lebens. Ich weiß gar nicht wieviel es uns gekostet hat, dass ich zu Hause bleiben musste. Das ist passiert und ein Fenster vom Bus ist kaputtgegangen. Eine Bremse hat aufgehört zu funktionieren. Aber die Shows sind super. Das ist unsere bisher größte Tour bisher. Heute sind hier in Wien auch 3000 Menschen. Der Teil von der Reise ist fantastisch.
Auf der Bühne und mit den Fans gibt es bereits sehr tolle Erinnerungen.
Wir sind schon sehr gespannt. Ich habe gehört, ihr habt vorab gesagt, dass alles bisher nur Training war, das ist jetzt der real shit!
Genau. Das ist unser Selling für die Shows! (lacht)
Aber es stimmt schon. Es ist schon ein wichtiger Teil von uns, egal ob im Studio oder auf der Bühne, wir wollen immer etwas Neues machen. Man kann nicht immer alles revolutionieren, aber zumindest wollen wir für uns immer etwas Neues und etwas das anders ist. Sei es die Produktion oder auch die sehr unterschiedlichen Setlists live. Wir haben da viele thematische Ideen, wie wir alles aufbauen können und fügen immer neue Details hinzu. Ich glaube wirklich, dass wir hier heute etwas ganz Besonderes präsentieren werden.
Ja, ich erinnere mich zum Beispiel ans Masters Of Rock (CZ) vor ein paar Jahren. Da wart ihr die letzte Band vor der dem Headliner zum „Avatar Country“ Album. Ihr hattet da echt Headliner-Ambitionen. Die fette Bühne auf der dann der König mit seinem Thron nach oben fuhr und viele weitere einzigartige Elemente an die ich mich erinnern kann. Und ja, ich habe schon ein paar Shows gesehen und die waren immer ganz anders aber doch AVATAR.
Ja, ja. Das war großartig. Aber immer, wenn wir etwas verstanden und geschafft haben, dann wird es uns langsam langweilig, auch was die Songs betrifft. Deswegen ist es mit uns oft sehr krass. „Avatar Country“ war eher ein Comedy-Album. Ein bisschen lächerlich, aber gleichzeitig ambitioniert. Weil das für uns sehr erfolgreich war, waren wir auch ganz zufrieden damit. Diese humorige Seite war danach bei „Hunter Gatherer“ für uns schon wieder völlig uninteressant.
Verstehe, aber ihr habt dann später immer wieder die Rock-Komponente von „Avatar Country“ aufgegriffen.
Ja, genau! Das ist immer dieses hin und her. Die Balance zwischen Rock’n’Roll und Groove. Es soll dann aber auch Metal und heavy sein. Der Spaß muss auch dabei sein, es kann aber ganz ernsthaft sein und auch tiefer gehen, aber trotzdem trauen wir uns auch eben den Spaß dabei zu haben. Ich glaube, dass viele Leute Angst davor haben. Nach dem ernsten „Hunter Gatherer“, war wieder mehr Spaß angesagt. „Dance Devil Dance“ war jetzt nicht per se lustig, aber viel Rock’n’Roll. Thematisch war das wieder lockerer. Es geht immer hin und her.
Sehr coole Herangehensweise. Wenn wir jetzt zum aktuellen Album kommen, wie kam der Titel „Don’t Go In The Forest“ zustande. Und ich habe mal von jemandem im Interview gehört, man sollte unbedingt mal nachts ohne irgendein Licht, Handy oder sonst was alleine in den dunklen Wald gehen, um das richtig zu spüren und auszuhalten. Das hast du sicher schon mal hinter dir oder?
Natürlich. Ich bin in Schweden aufgewachsen, da kann man gar nicht aus. Da verschwindet die Unheimlichkeit sehr schnell. Es ist dann nur schön und inspirierend. Es gibt ja nichts Gefährliches im Wald in Schweden, außer vielleicht Bären und Elche.
Klar, aber der Kopf wird dir zunächst anderes vorgaukeln.
Sicher, aber das hat sich schnell geändert. Ich kann mich nicht erinnern, wann ich das letzte Mal im Wald Angst verspürt habe. Als Kind vielleicht. Da hat man schon den Nachhauseweg ganz alleine zu bewältigen und im Norden wird es früh dunkel im Winter. Geht man den langen Weg, der „sicherer“ ist oder geht man den kurzen Weg durch den Wald?
Und wie kam es dann zu dem Titel?
„Don’t Go In The Forest“ ist ein passender Titel für Metal, also für dunklere Musik. Man nutzt gerne das Verbotene. Seit Anfang an haben BLACK SABBATH schon den Teufel und die Hölle besungen. Die verbotenen Dinge. Aber auch Krieg und andere schlimmere Dinge, sogar der Holocaust wurden schon besungen. Am Anfang wollen Death-Metal-Bands einfach badass sein und nutzen eine Sprache, um nahe an den Tod zu kommen. Viele waren in ihren Anfängen vielleicht 16 Jahre alt, wie auch wir.
Bei jedem Album versuche ich in meinem Hirn eigentlich immer, eine neue verbotene Tür zu öffnen. Und versuche noch einen Filter des Bullshits zu finden, wie ich Sachen schreibe. Dieses Mal kam alles sehr schnell. Die Hälfte der Texte kam sehr intuitiv. Da musste ich nicht unbedingt sofort verstehen, worum es thematisch ging. Ich hatte einfach das Gefühl, dass die Dinge passten. Viel passierte unterbewusst. Und nachher kam mir dann oft der Sinn.
Ich hatte das Gefühl, dem Unterbewusstsein die Kontrolle gegeben zu haben. Also habe ich mich da irgendwie freiwillig verlaufen. Es war, als wären wir in den Wald gelaufen, um mal zu sehen, was wir dort so finden. Das ist ein Grund des Titels – also sich einfach mal etwas zu trauen.
Es ist auch Metal, antagonistisch zu sein, also man tut gern das Gegenteil. Was ist dunkel/was ist hell, was ist hässlich/was ist schön, was ist lieb/was ist böse. Die Idee ist es, dass ein Metalhead, der ein Schild „Don’t Go In The Forest“ sieht, total gern in diesen Wald gehen möchte. (lacht)
Das ist auch ein Teil der Botschaft: Es ist verboten! Komm!
So wie das berühmte „Don’t try this at home!“
Genau, das wollten wir damit sagen.
Da fällt mir noch ein. Zu den immer unterschiedlichen Shows. Ich habe noch eine ganz andere Performance von euch erlebt. Ich musste lange in meinem Kopf kramen, aber ich konnte euch bereits zu „Schlacht“ 2007 damals erleben, gemeinsam mit OBITUARY! Da wart ihr noch eine recht typische, junge Melodic-Death-Metal-Band. Wie erinnerst du dich an die Zeit zurück?
Oh. Gute Erinnerung. Ja genau, wir haben so jung angefangen und in den ersten Jahren erst mal begonnen zu verstehen, wie man spielt und Lieder schreibt. „Schlacht“ – also ich habe das Album jetzt sehr lieb und es ist wie ein Fotoalbum mit Erinnerungen. Aber es ist ein sehr komisches Album. Fast alle Lieder sind kürzer als drei Minuten, obwohl die Songs alles drin haben, was ein typischer Metalsong hat – also Verse, Chorus, Solo – aber es geht einfach alles so schnell. Es ist sehr intensiv.
Aber wir haben damals wichtige Sachen von OBITUARY gelernt, vor allem als Vorband. Wir dachten, OBITUARY wäre ja so viel heavier als wir. Also wollten wir die aggressivsten Songs spielen. Wir wollten ebenso extrem sein und nahe drankommen. Aber das ist ja Schwachsinn. Wir können ja nicht dieses Publikum von 1000 Leuten überzeugen. Wir hatten ja noch nicht viele Songs, das wäre sich so ja sowieso nicht ausgegangen.
Darum fanden wir dann, es wäre besser, man bleibt sich und seiner Linie treu. Also das AVATAR-Ding zu zeigen, was auch immer das damals war – beziehungsweise heute. Und wenn von 1000 OBITUARY-Fans nur 150 erreicht werden, die uns dann besser verstehen, wenn wir wir selbst bleiben.
Das machen WITCH CLUB SATAN, die uns heute supporten, toll. Diese sind eine andere Art der Extreme. Die machen feministisch-statistischen Black Metal. Und sie versuchen nicht plötzlich Balladen oder catchy Songs zu machen, nur weil sie uns supporten. Sie sind und bleiben WITCH CLUB SATAN.
Und da werden viele denken: „Was bitte ist denn hier los?“, aber die sind für die Band nicht wichtig, diese Leute, sondern ihre Kunst zu präsentieren und zu zeigen, worum es ihnen geht.
Und das haben wir eben nach OBITUARY gelernt. Als wir mit IRON MAIDEN spielten, haben wir trotzdem unsere sehr aggressiven Stücke gespielt.
Darauf wollte ich noch kommen. Ich konnte die Show in Wien erleben. Ich habe mich auch auf euch sehr gefreut, während auch Leute dabei waren, die meinten „Um Gottes Willen, was machen die hier?“, aber auch Andere, die das erste Mal dort mit euch in Berührung kamen und waren aber vollends begeistert. Ihr habt da ja auch das AVATAR Programm durchgezogen…
Genau. Warum sollen wir lügen?
Haha, ja das ist wie bei einem ersten Date. Man möchte sich präsentieren und vielleicht jemanden zeigen, der man gar nicht ist. Das nutzt auf lange Sicht ja auch absolut nichts.
Absolut. Vor allem bei IRON MAIDEN Fans ist es natürlich nicht einfach. Da nützt verstellen noch weniger als bei weniger bekannten Tourkollegen.
Wie war das für euch. Habt ihr da eine ganz neue Welt erlebt und wieder neue Dinge gelernt. Die Tour von IRON MAIDEN ist ja eine megagroße Maschinerie.
Durch IRON MAIDEN haben wir über die vielen Jahre schon einiges gelernt. Auf unseren ersten Touren, als wir so 15–16 Jahre waren, da fuhren wir gemeinsam mit dem Zug nach Stockholm zu IRON MAIDEN. So haben wir bewusst und vielmehr unterbewusst immer schon studiert. Da war nicht so viel Neues für uns dabei zu lernen.
Aber „Dance Devil Dance“ oder „In The Airwaves“ sind sehr schwer zu singen. Also sehr intensiv. Nimm „Rhyme Of The Ancient Mariner“, auch unglaublich schwer, aber Bruce hat da in der Mitte vier Minuten Pause. Darum habe ich jetzt angefangen, Lieder zu schreiben mit langen instrumentellen Teilen. Das habe ich mitgenommen.
Das Erlebnis überhaupt mit der Band hat mich erst sehr überrascht. Aber natürlich ist es so, dass dieser Teil davon, also Backstage, Catering, Soundcheck und alles andere, gar nicht so unterschiedlich ist, ob man vor 100 oder 100.000 Menschen spielt. Viele Bands lernen schnell die Kunstform, aus etwas Kleinem etwas Großes zu machen. Ah da sind jetzt fünf oder sechs Leute, aha, etwas später hat man dann mal hundert und irgendwann steht man in Arenen vor Tausenden.
Also man lernt im besten Fall, ein Publikum zu finden, sich eines zu verdienen. Was Maiden so gut macht, ist, dass sich ein so großes Publikum so klein anfühlen kann. Viele sagen dann, Bruce Dickinson hat mir in die Augen gesehen, aber das erleben so viele Menschen auf einer Show. Die Band erreicht jeden einzelnen auch bis zum Ausgang ganz hinten. Also alleine, wie er seinen Kopf hochhält, um direkten Kontakt zu vermitteln. Da habe ich auf jeden Fall noch etwas gelernt.
Wenn wir in die Zukunft schauen. Gibt es schon Pläne für die nächste Zeit? Ihr hattet ja mal große Konzepte, auch ein eigenes Märchenbuch zu „Feathers & Flesh“ gemacht, seid dann aber nach „Avatar Country“ wieder zu klassischeren Song-Alben gewechselt. So wie ich euch kenne, wird da aber sicher noch mehr passieren.
Ich weiß jetzt eigentlich wie so ziemlich jeder Tag aussieht bis Mitte 2028. Ich kann und will ehrlich gesagt gerade nicht darüber reden. (lacht)
Es ist zu früh, aber ich schätze, du wirst dich freuen. (grinst)
Gibt es bei AVATAR musikalische Grenzen?
Ja, AVATAR ist eine Metalband, aber wir haben mit THE HAUNTED, CANNIBAL CORPSE, SLAYER, HELLOWEEN und so weiter alle angefangen. Und diese Einflüsse lassen einfach alles offen. Wir sind aber auch riesen QUEEN- und THE BEATLES-Fans, aber auch DEVIN TOWNSEND.
Gerade bei diesen drei Bands gab es immer wieder neue Entwicklungen, oft mehrere kreative Songwriter. Das in Kombination mit der Idee, dass wir einfach nicht genug Talent haben, wie andere zu klingen. Also solange die gleichen Leute unser Material schreiben und spielen, dann wird es immer wie AVATAR klingen.
Weil wir haben unsere Stärken und unsere musikalische DNA, die immer wieder ein bisschen mutiert. Aber wir sind einfach wir. Es gibt keine großen Grenzen. Aber es wird immer schwanken, denn wir interessieren uns immer für Anderes und Neues, aber ich will auch jedes Mal noch etwas dazulernen. Über die Welt, aber auch musikalisch. Dieses Mal habe ich extra mehr Klavier gespielt und extra mit anderen Musikern Arrangements gemacht. Also etwas stilistisch Neues erkunden gehört dazu. Die kurze Antwort ist: Ja, aber nicht wirklich.
Welche Wünsche gibt es jetzt nach IRON MAIDEN noch, außer natürlich selbst solche Stadien zu füllen?
Ja, wir wollen weiter versuchen, diese Band so groß wie möglich zu kriegen. Aber das ist nur richtig, wenn es unsere Musik ist und bleibt, wir weiter Freunde, nein Familie sind. Das ist eigentlich das Wichtigste.
Da wo wir sind, können wir nun Rechnungen zahlen und das machen, was wir wollen. Als wir 16 waren, waren wir beeindruckt, als wir bei Shows zu Besuch waren, wo 800 Leute da waren. Das war damals schon unglaublich. Und dann bist du bei METALLICA unter Tausenden. Das Größerwerden ist Teil dieses Kunstprojekts irgendwie.
Wir haben gelernt, dass der Weg zum Glück, ein erfüllendes Leben zu haben ist. Das findet man nicht durch Ticketverkäufe.
Klingt sehr schön! Zum Schluss noch, was ist eigentlich in deinem Benzinkanister und wie riecht eine Freakshow?
Es gibt unterschiedliche Freakshows, die unterschiedliche Gerüche haben können. Vielleicht klingen eine Freakshow wie Spaß, der im Moment sehr gut klingt, aber danach vielleicht doch nicht so die gute Idee war. (grinst)
Blut, Schweiß und weitere Körpergerüche!
Und im Kanister ist alles drin, was du dir wünschst! Das ist da alles drin.
Ich danke dir für das interessante Interview und wünsche dir viel Erfolg und natürlich auch Spaß auf der Bühne heute!
Autor: Max Wollersberger
Fotos: Bianca Ully & Max Wollersbeger