Von Desilussion und Enttäuschung über Habgier und Brutalität

Wir hatten die Ehre mit Melina, Benny und Tim über ASTRAYA, das neue Album „Atropone“ sowie griechische Gottheiten, Atemübungen, Proberaumjams und dem Nachkommen eines Toten. Man sieht schon, dieses Interview wird spannend und kreativ wie der Sound der Band selbst.


Der ASTRAYA Sound entsteht wie von selbst im ProberaumBenny


Hi Melina, hallo Jungs! Danke, dass ihr euch Zeit nehmt es ist mit einer Ehre euch mit ein paar Fragen belästigen zu dürfen. Aber vorab das wichtigste: Wie ist das aktuelle Befinden und wovon halte ich euch gerade ab?

Melina: Hey Bianca, vielen Dank für dein Interesse an uns und unserer Musik. Es ist mir ebenfalls eine Ehre, die Fragen zu beantworten. Mir geht es sehr gut, danke. Unser Album „Atropine“ ist veröffentlicht und wir haben sehr, sehr viele tolle Reviews aus der ganzen Welt erhalten. Was uns natürlich überaus stolz macht. Abhalten tust du mich von gar nichts, da es mir immer großen Spaß bereitet über ASTRAYA zu sprechen.

Astraya - Interview

Wie seid ihr zu eurem Bandnamen gekommen und gibt es Storys zu anderen Ideen, die dann aber wieder verworfen wurden? Und natürlich wollen wir nun alle wissen, warum diese nicht das Rennen gemacht haben.

Melina: Unser Gitarrist Benny hat während der Gründungsphase (und auch jetzt noch) oft die Band ROLO TOMASSI gehört. Die haben ein Album namens „Astraea“. Da wir oft über Desillusion und Weltschmerz singen, war der Name einfach perfekt: Astraea wird oft gleichgesetzt mit Dike, der Göttin der Gerechtigkeit in der griechischen Mythologie. Dike hat als letzte Gottheit die Menschen verlassen, aus Enttäuschung über deren Habgier und Brutalität.

Wir haben einige Bandnamen diskutiert, aber es gab nie einen Konsens. Ich habe z.B Army Of Me vorgeschlagen, ein Lied von Björk. Das fanden aber alle anderen unpassend. Welcher mir ebenfalls noch in Erinnerung geblieben ist, ist der Vorschlag unseres damaligen Bassisten: Colours Of Grey. Der Name wurde vom Rest auch kategorisch abgelehnt.

Tim: Ich kann mich gar nicht mehr so genau erinnern, ich weiß aber, dass ich bei dem Vorschlag ASTRAYA sofort überzeugt war.

Was mir auf der Leber brennt, seit ich das Album „Atropine“ das erste Mal gehört habe: Wie kommt man zu solch einer Stimmgewalt? Gottgegeben, oder doch mehr Training dahinter als man vielleicht vermuten mag oder natürlich eine Kombination aus beidem?

Melina: Oh, danke für das Kompliment! Gottgegeben ist sie nicht. Vielleicht die Stimmfarbe, aber ich habe Gesangsunterricht seit ich 14 Jahre alt bin (mit ein paar kürzeren Pausen dazwischen). Seit 2020 habe ich die perfekte Gesangslehrerin gefunden: „Hallo Giota!“. Durch sie habe ich einen Riesensprung nach vorne gemacht. Das Singen fühlt sich sehr natürlich an und dadurch kann ich mich auf der Bühne mehr um die Performance kümmern.

Wie sieht dein WarmUp vor einer Show bei dir aus Melina?

Melina: Ich mache erst Atemübungen, danach noch ein paar klassische Gesangsübungen (manchmal mit nem Youtube Tutorial, manchmal ohne) und dann singe ich einfach unsere Songs. Es ist immer am besten, sich in der Tonlage einzusingen, die man dann auch für den Auftritt braucht.

Wie seid ihr auf euren Stil gekommen und wie würdet ihr den einordnen, ohne nun die Schubladen zu öffnen und typische Label zu nennen und wie kam es zu dieser Mischung?

Melina: Benny und ich haben anfangs einfach wild Songs geschrieben, ohne darauf zu achten, was am Ende dabei rauskommt. Als wir einige Songs fertig hatten, sind wir auf die Suche nach Bandmitgliedern und einem Proberaum gegangen. In den ersten Proben haben wir einfach nur drauf los gejammt, hier auch eher locker und ohne irgendwelche Ziele zu definieren.  Sehr viele dieser ersten Ideen sind in die Tonne gewandert. Man könnte eigentlich sagen, die drei Songs der EP „Black Awakening“ haben den Stil in Stein gemeißelt: klassische Vocals, eine härtere Instrumentierung und Texte, die etwas aussagen.

Bis heute tun wir uns schwer, uns einem konkreten Genre zuzuordnen und wenn man die Reviews so liest, geht es den Leuten da draußen wohl ähnlich. Wir fünf hören auch alle sehr unterschiedliche Musik, was wahrscheinlich auch noch in das Endergebnis mit rein spielt.

Tim: Anfangs waren die Songs noch etwas sanfter, ich denke aber, die Stilfrage hat sich uns gar nie wirklich gestellt. Wir lieben es einfach dunkle, düstere und sphärische Musik zu machen. Das hat sich dann, wie Melina schon sagt, irgendwann von selbst entwickelt.

Benny: Wenn ich ein Gitarrenriff schreibe, versuche ich, dass schon die eine Gitarre alleine ein Gefühl oder eine Stimmung erzeugt und später im ganzen Song präsent bleibt. Dabei versuche ich mich nicht an Genres zu halten, sondern spiele einfach drauf los. Der ASTRAYA – Sound entsteht dann wie von selbst im Proberaum.

 

Gibt es etwas, oder einen Song, den ihr besonders an dem Album hervorheben wollt? Wenn ja warum, sei es die Entstehung, die Lyrics oder musikalisch, was macht ihn für euch jeweils besonders?

Melina: Das ist für mich definitiv „Descendant Of A Dead Man“. Er hat einfach so viel Power. In den Proben trifft er mich wirklich jedes Mal mitten ins Herz und ich bin mächtig stolz darauf. Die Lyrics sind ziemlich düster. Es geht um eine Person, die einen Toten entdeckt und dadurch einige Rückschlüsse auf die eigene Vergangenheit, den eigenen Vater, die eigene Kindheit schließt und dabei merkt, dass der Vater selbst ein Toter war, als er noch gelebt hat. Daher der Songtitel: Nachkomme eines Toten.

Tim: Ganz klar „Descendant Of A Dead Man“. Der Song hat von Anfang an extrem viel Energie und eine wehmütige Tragik, die mir gut gefällt. Es ist schwierig zu beschreiben, aber der Song ruft in mir immer wieder Gänsehaut-Momente hervor. „A Theory Of Time“ muss ich aber zusätzlich noch hervorheben, der Song schwebt schon sehr lange im Proberaum herum und wurde immer wieder übersehen, umso schöner und tragischer kann er nun glänzen.

Benny: „A Theory Of Time“ war zuerst eine klassische B-Seite. Irgendetwas hatte gefehlt, dass den Song besonders macht. Wir haben ihn aber trotzdem aufgenommen. Im Urlaub habe ich dann vom Tod meines Gitarren-Hero Brent Hinds von MASTODON erfahren. Er war für mich sehr prägend und ich dachte, als Dank oder zur Erinnerung, ein eher Astraya untypisches Solo einzubringen. Das hat dem ganzen Song schließlich gut getan.

Das Artwork zum Album ist im wahrsten Sinne a work of art. Katja Schocke war die Künstlerin. Darf man Fragen von wem die Idee kam und wie die Umsetzung verlief?

Melina: Katja ist eine Freundin unseres Gitarristen Tim. Es war ein Glücksfall, dass sie Bock und Zeit hatte, das für uns zu machen. Da auf beiden Vorgängeralben eine Frau abgebildet ist, die irgendwie verloren wirkt, wollten wir das so fortsetzen. Atropin ist ein Gift, das z.B. in der Tollkirsche zu finden ist, daher die ganzen Kirschen um sie herum. Ursprünglich hatten wir vor, das Album „Valley Of The Damned“ zu nennen, weshalb sie ebenfalls noch ein Tal hinzugefügt hat. Katja hat unser Album angehört, sich davon inspirieren lassen und angefangen zu zeichnen. Ich finde es auch wirklich sehr gelungen.

astraya - atropine

Tim: Ja genau, ich habe Katja die Demos und die Songtexte geschickt und ihr ganz grob beschrieben, wie wir uns das Artwork vorstellen. Nach ein paar Gesprächen mit Katja war gleich klar, dass sie das wunderbar machen wird, und was soll ich sagen, sie hat das so perfekt umgesetzt, besser als wir uns es vorstellen konnten. Das Cover hat mich auch direkt inspiriert, unseren neuen Merch Stuff DIY mit Siebdruck umzusetzen.

Benny: Schon der erste Entwurf hat uns begeistert. Es ist meiner Meinung nach schwierig, in so düsteren Bildern Tiefe zu erzeugen, ohne dass es zu kitschig wirkt. Doch Katja hat das perfekt hinbekommen.

Habt ihr auch schon Pläne die Musik von „Atropine“ auf die Bühne zu tragen?

Melina: Klar, das machen wir natürlich am allerliebsten! Im Herbst werden wir wieder einige Shows spielen. Die Planungen dazu laufen bereits auf Hochtouren und ein paar davon können auch bald verkündet werden.


Gibt es von euren bisherigen Live-Erfahrungen spannend, lustige oder unschöner Stories, die ihr teilen wollt.

Tim: Wir hatten unseren allerersten Gig in der Schweiz und waren mit einem ziemlich abgefuckten Mercedes Kombi unterwegs. Da unser damaliger Drummer sehr früh wieder zurück musste, haben wir morgens um 6 Uhr – nach zehn Minuten Schlaf – die Rückfahrt angetreten, sind dann keine 100m gefahren und gleich von der Polizei angehalten worden (was ich übrigens nachvollziehen kann). Wir durften natürlich weiterfahren.

Benny: Wir haben bei einem Gig in Stuttgart sehr schlechte Bühnenmonitore gestellt bekommen. Irgendwann wurde der Sound immer schlechter und Rauch stieg aus meinem Monitor. Ich musste ihn dann von der Bühne treten. DEEP PURPLE Vibes…

Melina: Mir ist in Erinnerung, wie wir zu einem Gig nach Freudenstadt gefahren sind und das Schlagzeug stellen mussten. Keiner von uns hat ein großes Auto, wir wollten aber unbedingt alle zusammen fahren. So haben wir einen uralten Anhänger von Bennys Vater ausgeliehen und sind mit 80 km/h dort hingetuckert.

Wie geht es nun weiter? Gibt’s es schon Pläne für die nächsten Monate oder Jahre abseits der erwähnten Live-Aktivitäten, um ASTRAYA noch größer zu machen?

Melina: Für uns war es schon ein großer Schritt nach vorne, dass wir mit Mauro und These Hands Melt ein Label gefunden haben, das an uns glaubt. In naher Zukunft möchten wir ein paar professionelle Livevideos drehen. Ich glaube, es ist essentiell, um auch für größere Veranstaltungen gebucht zu werden. Und natürlich sind wir schon fleißig dabei, neue Songs zu schreiben.

Danke vielmals für eure Zeit. Falls ihr noch etwas am Herzen habt; Die letzten Worte gehören euch!

Melina: Wir danken dir auch sehr. Und auf diesem Wege auch nochmals danke an alle, die uns supporten, die Atropine lieben und noch Bock auf handgemachte Musik haben!

Tim: Dem schließe ich mich an – Support your local indie band!

Benny: Dito – Support the Underground!!

 

Autorin: Bianca Ully

 


Band-Links:
astraya - interview ASTRAYA - Melina, Tim & Benny ASTRAYA - Melina, Tim & Benny

 

 

 

 

Band-Biografie (Quelle Astraya)
ASTRAYA is a dark rock band from Germany, combining atmospheric post-rock and metal into powerful, emotionally charged soundscapes. Driven by epic vocals, soaring guitars and a haunting melancholy, their music explores the realities of modern society and the search for meaning beyond it..  Mehr auf: ASTRAYA Webpage
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