EUROPE und der Gasometer Wien – das schreit förmlich nach großen Hymnen, fliegenden Mähnen und jeder Menge Hard Rock! Klar, „The Final Countdown“ darf dabei nicht fehlen, aber ich wollte an diesem Abend vor allem wissen, wie viel Biss die schwedischen Rocklegenden abseits ihres Überhits noch haben. Mit THE DAMN TRUTH als Support gab es zunächst eine ordentliche Portion dreckigen Rock’n’Roll, bevor EUROPE am 17. Oktober im ausverkauften Gasometer zeigten, dass sie noch lange nicht zum alten Eisen gehören.
Die kanadische Rockband hatte die undankbare Aufgabe, ein Publikum aufzuwärmen, das vor allem auf EUROPE wartete. Doch THE DAMN TRUTH machten mehr daraus als ein bloßes Pflichtprogramm. Mit dreckigem Rock’n’Roll, eingängigen Melodien und jeder Menge Bühnenenergie erspielte sich die Band schnell Sympathiepunkte.
Auch optisch war einiges los: Auffällige Frisuren und ein Haarreifen mit Katzenohren, der Sängerin Lee-La Baum zierte, zeigt, dass sich die Band nicht allzu ernst nimmt. Musikalisch ging es dagegen ordentlich zur Sache. „Be Somebody“, „All Night Long“ und „Get With You“ sorgten für Schwung, bevor „Tomorrow“ den Auftritt mit einer überraschenden Prise Country-Feeling abschloss. Ein unterhaltsamer Einstieg, der definitiv Lust auf mehr machte.
Setlist THE DAMN TRUTH:
Be Somebody
Love Outta Luck
The Willow
This Is Who We Are Now
All Night Long
Lonely
Get With You
Tomorrow
Mit „Scandinavian Eyes“ ging es beim schwedischen Urgestein gleich ordentlich zur Sache. Auch „Walk The Earth“ unterstrich, dass EUROPE längst mehr als klassischen Keyboard-Hardrock im Köcher haben. Bei „Superstitious“ vom Album „Out Of This World“ gab es die ersten Jubelstürme, bevor das groovende „One On One“ noch eine Schippe drauflegte. Genau diese erste Konzerthälfte hatte für mich besonders viel zu bieten: Die Gitarren standen im Mittelpunkt, die Songs hatten Druck und der härtere, progressive Ansatz machte richtig Spaß. Mit „Last Look At Eden“ und „War Of Kings“ wurde es düsterer, epischer und wuchtiger.
Allen voran überzeugte Gründervater John Norum: Was dieser Mann aus seiner Gitarre herausholt, ist schlichtweg anbetungswürdig. Seine knackigen Riffs und messerscharfen Soli sind musikalisch immer auf den Punkt. Gemeinsam mit den weiteren Musikern des „The Final Countdown“-Album Line-Ups, die da Bassist John Levén, Keyboarder Mic Michaeli und Drummer Ian Haugland sind, lieferte er das Fundament für einen druckvollen Auftritt.
Auch Joey Tempest war bestens aufgelegt. Stimmlich überzeugend, im Seidenhemd und mit vom Ventilator bewegter Mähne, ließ der Frontmann den Rockstar raushängen, ohne künstlich zu wirken. Dazu kamen noch das strahlende Lächeln, der direkte Kontakt mit den Fans und großzügig verteilte Plektren für die erste Reihe. So geht Publikumsnähe! Mit „Prisoners In Paradise“ und „The Cult Of Ignorance“ wurde es nochmals spannend. Tempest griff bei beiden Songs selbst zur E-Gitarre. Besonders „The Cult Of Ignorance“ war für mich ein Highlight und ein starker Abschluss dieses riffbetonten Konzertabschnitts.
Dass EUROPE auch auf ihrem aktuellen Album „Come This Madness“ ordentlich Gas geben, passt perfekt dazu. Die neuen Songs zeigen eine härtere, modernere und progressivere Band, die sich nicht damit zufriedengibt, ihre alten Hits Abend für Abend herunterzuspielen. Genau das macht für mich eine interessante Liveband aus: nicht nur die Vergangenheit feiern, sondern auch heute noch etwas zu sagen haben.
Mit „On Broken Wings“ ging es zurück in den melodischen Hardrock. Für Fans ein besonderes Schmankerl: Der Song war einst die B-Seite der Single „The Final Countdown“ und damit eine schöne Erinnerung an die Zeit, in der man Singles noch wegen ihrer Rückseite genauer unter die Lupe nahm. Danach steuerte der Abend zunehmend auf jene EUROPE-Klänge zu, die wohl jeder sofort erkennt. Bei „Rock The Night“ war der Gasometer endgültig auf Betriebstemperatur. „Carrie“ brachte anschließend die emotionale Seite der Band zum Vorschein, ehe „Danger On The Track“ für eine ziemlich absurde, aber umso unterhaltsamere Szene sorgte.
Tempest bedankte sich bei der Crew – und die nahm das offenbar als Einladung, gleich selbst auf die Bühne zu kommen. Während die Mitarbeiter aufräumten und Pizza aßen, blätterte der Sänger seelenruhig in einer Zeitschrift. Rockstars beim Feierabendprogramm! Ich musste jedenfalls schmunzeln. Solche ungeplanten Momente machen ein Konzert erst richtig sympathisch.
Mit „Ninja“ nahm die Show wieder Fahrt auf und zu „Cherokee“ gab es passende Bilder des Grand Canyon auf der Leinwand.„Love Chaser“ brachte schließlich noch einmal den melodischen EUROPE-Sound auf den Punkt.
Zeit für den finalen Countdown: Natürlich wusste jeder im Saal, worauf dieser Abend hinauslaufen würde. Als schließlich „The Final Countdown“ erklang, war das Wiener Publikum nicht mehr zu halten. Die Hände gingen nach oben, die Stimmen wurden laut und aus dem Konzert wurde ein kollektiver Gänsehautmoment. Man kann über den Song sagen, was man will – live entfaltet er auch nach all den Jahren eine Wirkung, der man sich nur schwer entziehen kann.
Nach dem letzten Ton wurde lautstark eine Zugabe gefordert. Verständlich, denn niemand wollte den Abend schon beenden. Andererseits: Was soll nach „The Final Countdown“ noch kommen, ohne dass man das Gefühl hat, der Höhepunkt wäre bereits überschritten? Manchmal ist es besser, einen solchen Moment einfach stehen zu lassen.
Setlist EUROPE:
Scandinavian Eyes
Walk The Earth
Superstitious
One On One
Last Look At Eden
War Of Kings
Prisoners in Paradise
The Cult of Ignorance
On Broken Wings
Rock The Night
Carrie
Danger On The Track
Ninja
Cherokee
Time Has Come
Heart Of Stone
On The Loose
Love Chaser
The Final Countdown
EUROPE haben gezeigt, dass sie mehr draufhaben als ihren ewigen Überhit – auch wenn bei „The Final Countdown“ natürlich der ganze Gasometer Kopf steht. Ein starker Konzertabend mit einer bestens aufgelegten Band und genügend Riffs, um auch den härteren Rockfan glücklich nach Hause zu schicken. So darf das gerne wieder sein!
Autor & Fotos: Florian Rosenberger



