
Epic Doom wird wieder modern, so viel darf gesagt sein. Bands wie PALLBEARER, CRYPT SERMON und auch KHEMMIS aus Denver treten an, um das Erbe von CANDLEMASS und SOLITUDE AETURNUS weiterzuführen und das Genre in moderne Zeiten zu steuern. Das gelingt erfolgreich und auch öffentlichkeitswirksam. Seit Jahren sind die Kritiken neuer Veröffentlichungen hymnisch und die Touren werden größer.
KHEMMIS aus Colorado sind die Band aus dem Bunde, die derzeit am nächsten zum großen Sprung ansetzen, so viel ist seit der Veröffentlichung des selbstbetitelten Albums nun klar. Die grandiosen Vorgänger „Deceiver“ und „Desolation“ waren schon herausragend, liefen aber vor allem in Europa komplett unter dem Radar, von den ersten beiden schon extrem starken Alben zu Beginn der Bandgeschichte ganz zu schweigen. Mit dem Wechsel zu Nuclear Blast gab es dann aber erste Anzeichen, dass hier eine Gruppe zum Überholen ansetzt, und erste Festivalauftritte, mitsamt einem herausragenden Gig am Copenhell 2024, gaben erste Eindrücke von der Live-Qualität.
Der junge Vierer macht nun mit Album Nummer Fünf wahrlich einen Sprung nach vorne. Es ist diese Melange aus doomiger Schwere, mit schweren heavy Riffs, grandiosen Melodiebögen und der melancholischen einzigartigen Stimme von Pendergast, die KHEMMIS aus der Masse herausheben. Alles sitzt, das Songwriting ist, auch aufgrund des technischen Talents der Band, stets vom Allerfeinsten. Die acht Songs auf dem Album sind nie überlang, und schaffen es immer unter sechs Minuten spannend zu bleiben und auf das Wesentliche herunterdestilliert zu wirken.
Der Opener „ Invocation Of The Dreamer” fährt direkt in die Knochen und stellt die Stärken der Band in die Auslage. Das Riffing ist herrlich direkt und knallhart. Und doch ist es dieser Groove und die Hammer Melodiebögen der Gitarren, die ab der ersten Sekunde den Körper in Schwingung versetzen. Das Tempo wird immer gezielt gedrosselt und genau im richtigen Moment wieder von der Leine gelassen. In diesem Spannungsaufbau sind KHEMMIS wahre Meister und alles ist perfekt orchestriert, greift spielend leicht ineinander.
„Corpsebloom Garden“ und „Grief’s Reverie“ sind auf der doomigen Seite angesiedelt. Viel Atmosphäre wabert durch den Raum, immer wieder werden die Stücke verzögert und Pendergasts melancholische klare Stimme tut ihres für die nachdenkliche Stimmung. Die Gitarren spielen sich miteinander, werfen sich Bälle zu und harmonieren wieder in großartigen Melodien. Auch Hutchersons Growls, wenn auch wenig eingesetzt, sind nie fehl am Platz und erzeugen dramatische Aussetzer.
Die erste Vorabsingle „Beneath The Scythe“ transportiert diese Besonderheit, die KHEMMIS vom Rest des Genres absetzt. Das ist Songwriting weitergedacht und Grenzen sprengend. Der Song beginnt noch in den typischen Mustern, doch dreht direkt in grandiose Heavy Metal Riffs. Die Stimmung galoppiert grandios vorneweg, verliert jedoch nie den typischen behäbigen Charakter des Doom. Der Refrain als Gegensatz zum frischen und epischen Verse harmoniert in schierer Perfektion miteinander. Hier merkt man, dass die Jungs aus Colorado weiterschauen und sich in keinem Stil gefangen fühlen wollen.
Der eröffnende D-Beat von „Gilded Chambers“ kommt durchaus überraschend daher, passt aber zum treibenden Charakter des Stücks, das wieder mit einem großen mehrstimmigen Refrain zu gefallen weiß.
Das epische „Carrion King“ entwickelt sich zu einem weiteren Höhepunkt des Albums. KHEMMIS vereinen hier alle Stärken und zeigen harte einschneidende Riffs, den wohl ersten Blastbeat der Bandgeschichte, Growling, episches Songwriting und melancholische Gesangslinien. Das ist Doom Metal modernen Prägung wie er besser nicht sein kann. Man fühlt sich als Hörer*in durch Landschaften getrieben, voller Schönheit und Anmut, doch immer wieder vor Angst schlotternd in das Herz von heftigen Gewitterzellen gestoßen, bevor Pendergasts Organ die Tür öffnet und einen der Dunkelheit entreißt.
„Khemmis“ fühlt sich durchwegs wie der nächste Schritt einer überaus talentierten Band an. Die fehlende Scheu vor dem Sprengen irgendwelcher Genregrenzen machen KHEMMIS besonders und zeugen von einem grandiosen Musikverständis des Vierers. Man will sich gar nicht ausmalen was uns die Zukunft von dieser Band noch schenken könnte, und hofft jetzt einmal auf ausgiebiges Touren in Europa.
Autor: Michael Wimmer
Tracklist „Khemmis“:
1. Invocation Of The Dreamer
2. Corpsebloom Garden
3. Grief’s Reverie
4. Beneath The Scythe
5. Gilded Chambers
6. Tomb Of Roses
7. Carrion King
8. Benediction Tones
Gesamtspielzeit: 41:50
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