
Seit fast zwei Jahrzehnten weben IN THIS MOMENT einen dichten Schleier aus Weihrauch, Schatten und sakraler Theatrik um ihr Schaffen. Mit ihrem neunten Werk „Witch“ beansprucht Maria Brink nun endgültig das Terrain der Finsternis, das sie seit den Salem-Prozess-Analogen von Ritual umkreist hat. Es ist eine rituelle Kriegserklärung an erlittenes Leid, die Alchemie, Schmerz und Verfolgung in pure Macht zu verwandeln und Wunden in blutige Kriegsbemalung umzudeuten. Diese dunkle Messe entfaltet sich als das bisher kollaborativste Werk der Band.
Der Vorhang hebt sich ohne Vorwarnung mit „Shame“, wo Scham nicht schweigend ertragen, sondern als scharfe Waffe geschmiedet und zurückgefeuert wird. In „I Want To Believe“ trifft gleich darauf die glasklare Melancholie von Rory Rodriguez auf die drohende Präsenz von Brink – ein vokaler Schlagabtausch zwischen Flehen und Bedrohung. Anschließend walzt „Crawl“ als kompromissloser Industrial-Stampfer heran, auf dem die Band ihre Peiniger vom flüsternden Schatten bis zum entfesselten Schrei-Sturm jagt, um unmissverständlich klarzustellen, dass jede Schuld beglichen wird.
Mit „Into The Dark“ weicht die offene Härte einer morastigen, schleichenden Atmosphäre – der Moment des ersten echten Abstiegs, in dem die Masken fallen. Aus diesem Abgrund erwacht „Sleeping With The Enemy“, ein von Paranoia getriebener Tanz mit dem Feind im eigenen Spiegel, bevor das verführerisch schleichende „Wrapped Around Your Finger“ psychologische Machtspiele auf kleiner Flamme brodeln lässt. Den unberechenbaren, anarchischen Ausbruch markiert schließlich „Heretic“: Drei Minuten ungezähmtes Chaos an der Seite von Kim Dracula, die wie ein vergifteter Dolchstoß durch die Ordnung schlagen.
Die zweite Hälfte des Rituals steuert unausweichlich auf die wahren Abgründe zu. Mit „Father“ vollendet die Band ihr düsteres Familiengemälde spiegelverkehrt zu „Mother“, komplett frei von Sentimentalitäten, getränkt in tonnenschwere Entblößung. Direkt im Anschluss schraubt sich „Without Me There’s No You“ als giftiges Bekenntnis absoluter Abhängigkeit zum emotionalen Wendepunkt empor.
Für das Finale ruft die Band geistesverwandte Schatten an: PINK FLOYDSs „Another Brick In The Wall“ wird an der Seite von Kat Von D in ein zerrissenes, theatralisches Manifest verwandelt. Die allerletzte Weihung gebührt schließlich der Verneigung vor NINE INCH NAILS; „Something I Can Never Have“ verzichtet auf jegliches Getöse und lässt das Werk in einer stillen, schmerzhaften Reinigung der Seele verhallen, kein wütendes Brüllen zum Abschied, sondern das bloße, nackte Ausbluten einer Narbe.
In dieser Zerrissenheit zwischen fokussierter Härte und schwarzer Romantik offenbart „Witch“ seine wahre Magie. Maria Brink bleibt die unbeugsame Herrscherin dieses Zirkels: einst vom Mob für den Scheiterhaufen gebrandmarkt, steigt sie nun als hohepriesterliche Gestalt unversehrt aus dem Ascheregen empor.
Autorin: Bianca Ully
Tracklist „Witch“:
1.Shame
2.I Want To Believe (feat. DAYSEEKER)
3.Crawl
4.Into The Dark
5.Sleeping With The Enemy
6.Wrapped Around Your Finger
7.Heretic (feat. Kim Dracula)
8.Father
9.Without Me There’s No You
10.Another Brick In The Wall (feat. Kat Von D)
11.Something I Can Never Have
Gesamtspielzeit: 49:46
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