
The Cloud Of Unknowing
(Thrash Metal)
Label: Nuclear Blast
Format: (LP)
Release: 24.05.2026
Zu SEPULTURA sei eines klipp und klar gesagt; Sie sind wie Fischstäbchen; man muss nicht mögen, aber man sollte sie kennen 😉 Scherz beiseite; SEPULTURA zählen seit ihrer Gründung 1984 in Belo Horizonte, Brasilien, zu den prägendsten und einflussreichsten Metal-Bands weltweit.
Es gäbe so unendlich viel über SEPULTURA zu berichten, dass man damit Seiten füllen könnte, doch ich möchte nur einen Bruchteil erwähnen von den Dingen die ich als umbeding wissenswert erachte; Sei es, dass ihr Song „Roots Bloody Roots“ im Radio und auf MTV-Brasilien lief; was für so eine harte Band damals ziemlich ungewöhnlich war, oder für „Roots“ (1996) direkt vor Ort aufgenommen und mit echten Stammesmusikern gearbeitet wurde. Derrick Green ist länger in der Band als Max Cavalera es war und tourten früh mit Größen wie PANTERA oder SLAYER, das hat ihren internationalen Status massiv gepusht.
Und hier noch ein kleiner Stiel Werdegang der Band – Am Anfang ist da dieses rohe Klangchaos: extrem verzerrte Gitarren, hektische Drums, kaum greifbare Strukturen, irgendwo zwischen Black-, Death- und frühem Thrash-Metal. Doch schon mit „Beneath the Remains“ (1989) und noch stärker auf „Arise“ (1991) wird daraus ein präzises, fast chirurgisches Riff-Gewitter. Die Songs sind schneller, technischer, mit klaren Strukturen – dieser typische Thrash-Drive, der nach vorne peitscht, ohne Luft zu lassen. Dann kommt der radikale Bruch; Musikalish hat das massive Auswirkungen. „Chaos A.D.“ (1993) nimmt das Tempo raus und ersetzt es durch Gewicht: tiefer gestimmte Gitarren, repetitive, stampfende Riffs und ein Fokus auf Rhythmus statt Geschwindigkeit. Die Drums wirken weniger verspielt, dafür direkter und druckvoller. Mit „Roots“ (1996) wird das Ganze noch intensiver: Percussion, Tribal-Grooves und diese fast schon hypnotischen Rhythmen verschmelzen mit downtuned Gitarren. Der Sound wirkt erdig, körperlich, fast rituell – weniger Technik, mehr Gefühl und Atmosphäre.
Nach dem Wechsel zu Derrick Green verschiebt sich der Fokus erneut. Auf „Against“ (1998), „Nation“ (2001) und „Roorback“ (2003) dominiert ein moderner, teilweise kühler Sound: harte, oft minimalistische Riffs, mehr Groove als Melodie, dazu Einflüsse aus Hardcore und Industrial. Die Songs wirken kompakter, direkter, manchmal fast schon kantig und bewusst reduziert. Später öffnen sie den Sound wieder. „Dante XXI“ (2006) und „A-Lex“ (2009) bringen mehr Dynamik, ungewöhnliche Strukturen und progressive Ideen rein. Mit „Kairos“ (2011) kehrt auch ein Stück des alten Thrash-Feelings zurück – aggressiv, aber moderner produziert. „Machine Messiah“ (2017) erweitert das Klangbild nochmal: mehr Melodie, mehr Atmosphäre, teilweise fast schon episch. Und dann „Quadra“ (2020): Für mich klang das wie eine Synthese aus allem. Schnelle Thrash-Passagen treffen auf groovige Midtempo-Riffs, dazu komplexe Arrangements und rhythmische Spielereien. Die Musik wirkt gleichzeitig technisch ausgefeilt und körperlich wuchtig, als hätten sie all ihre Phasen genommen und ineinander verschmolzen.
Wenn sich der Vorhang nach über vier Jahrzehnten senkt, dann nicht leise – sondern mit einem letzten, donnernden Nachhall. SEPULTURA stehen am Ende einer Reise, die mehr als 40 Jahre umspannt, 14 Goldauszeichnungen hervorgebracht und Bühnen in über 80 Ländern erschüttert hat. Sie sind nicht nur Brasiliens lauteste Stimme im Metal, sondern ein globales Bollwerk aus Wucht, Haltung und kompromissloser Energie. Noch einmal ziehen sie hinaus, auf ihrer Abschiedstour „Celebrating Life Through Death“, und tragen ihren unverkennbaren Sound rund um den Globus.
Doch die Frage stand im Raum: Wie beendet man eine solche Geschichte würdig? Die Antwort kam nicht aus Kalkül – sondern aus Instinkt. Ein letzter kreativer Ausbruch. Roh. Echt. Für die Ewigkeit konserviert. 2024 betritt mit Greyson Nekrutman ein neues, junges Biest das Schlachtfeld. Gerade einmal 23 Jahre alt, aber mit einem Spiel, das sofort zündet. Sein Stil – vielseitig, wild, präzise – wirkt wie ein Funke im Pulverfass. Diese letzte Inkarnation von SEPULTURA zieht durch Nordamerika, Europa und Lateinamerika und entfesselt Sets, die die gesamte Bandgeschichte in sich tragen. Für Andreas Kisser ist klar: Diese Chemie darf nicht einfach verpuffen. Sie muss festgehalten werden. So entsteht die Idee zu einem finalen Kapitel – einer letzten EP.
Als Schauplatz wählen sie die legendären Criteria Studios in Miami; ein Ort, durchzogen von Musikgeschichte. Dort, unter der Regie von Stanley Soares, wächst das Ganze innerhalb von zehn Tagen zu etwas Eigenständigem heran. Kein Druck. Keine Deadline. Keine Titel. Keine Vorgaben. Nur Sound. Nur Gefühl. Das Ergebnis:
„The Cloud of Unknowing“. Vier Tracks, die sich anfühlen wie ein letzter Atemzug; schwer, emotional, ungeschönt. Ein bittersüßer Abschied, der nochmal das ganze Spektrum von SEPULTURA auffächert. Ich lasse die Tracks laufen und sofort legt sich eine dichte, fast mystische Klangwelt über alles. „All Souls Rising“ beginnt mit tief gestimmten, drückenden Gitarren, die wie ein langsames Grollen wirken. Die Drums setzen schwer und bedacht ein, eher wie pochende Schläge als treibender Rhythmus. Greens Stimme ist rau und kehlig, fast wie eine Growl Beschwören, mit leichtem Hall, als käme er aus einem großen, leeren Raum. Die gesamte Klangwirkung ist dabei dunkel, massiv und körperlich spürbar.
„Beyond the Dream“ wirkt deutlich weiter und luftiger. Die Gitarren sind flächiger, fast schwebend, mit mehr Reverb und weniger direkter Härte. Die Drums treten zurück und lassen mehr Raum. Der Gesang wird klarer und offener, zieht sich länger, fast getragen – weniger rau, mehr entrückt, aber immer noch mit Tiefe. Eine unterschwellige Schwere bleibt jedoch durchgehend präsent.
„Sacred Books“ zieht alles wieder zusammen. Die Gitarren klingen schärfer und kantiger, mit mehr Attack, während die Drums präsenter und rhythmisch fester wirken. Greens Gesang tritt eindringlich hervor, teils gepresst, teils fast predigend, mit stärkerer Dynamik zwischen leisen und intensiven Momenten. Stimme und Instrumente greifen hier am engsten ineinander und erzeugen eine dichte, ritualhafte Spannung. Insgesamt entsteht eine zusammenhängende Reise, bei der die unterschiedlichen Klangfarben von Instrumenten und Gesang/Growl eine dunkle, kraftvolle und intensive Atmosphäre formen.
Die EP ist ein finales Statement. Ein letzter Schlag. Dann Stille.
Autorin: Bianca Ully
Tracklist „The Cloud Of Unknowing“:
1. All Souls Rising
2. Beyond the Dream
3. Sacred Books
4. The Place
Gesamtspielzeit: 17:12
Band-Links:
