Ein Hoch auf den 1. Mai. Ein großer Tag für Österreich, aber ein noch größerer für mich. Ich durfte den Post-Black Metal Helden aus Österreich HARAKIRI FOR THE SKY im Zuge ihrer Jubiliäums Show „Reliving The Trauma“ live lauschen und hier meine Eindrücke davon…
HARAKIRI FOR THE SKY machten mit einem Facebook-Post Tage zuvor im Vorhinein klar, worauf wir uns an diesem Tag einstellen konnten: Ein Abend, eine Band, ein Album. Keine Vorbands, keine Zugaben, keine Überraschungen. Und das Ganze im Sitzen! Die Location was das Theater Akzent in Wien, welches man normalerweise mit Aufführungen wie Theaterstücken die Zauberflöte oder Kabarett in Verbindung bringt, als mit Metalkonzerten. Maximal 455 Personen würden in diesen Saal passen.
Ich war überrascht. Der Boden der Eingangshalle aus Marmor, Säulen, die an die Decke ragten und hell beleuchtete Räumlichkeiten. Personal und Einweiser schick in schwarz und rot gekleidet, so wie man es erwarten würde. Also eher eine Lokation die man mit Krawatte und Anzug oder eleganter Abendgarderobe verbindet.
Jedoch ganz ehrlich: Die zwei Jungs hätten sich keinen besseren Ort aussuchen können, um ihre 10th Anniversary Show Reliving The Traum zu ihrem dritten Studioalbums „III: Trauma“ aufzuführen. Denn das, was uns erwartete, war nicht nur ein wunderbares Konzert einer der besten Post-Black-Metal-Bands unserer Zeit, sondern vor allem ein tragisch-melancholisches Theaterstück. Es beschreibtden psychischen Verfall eines Menschen, dem alles, was ihm auf dieser Erde wichtig war, entrissen wurde.
Als das Intro (vor noch geschlossener Videowall) „Street Spirit“ von RADIOHEAD den Theatersaal erfüllte, lief es mir eiskalt den Rücken runter. Ich kannte das Lied vorher nicht, aber ein besseres Stell-dich-ein hätten die Jungs nicht wählen können. Nach dem langsamen Heben der Videowall, bot sich uns eine (noch) menschenleere Bühne – Stille im ganzen Raum. Nur das sanfte Plätschern von Regentropfen ertönte aus den Lautsprechern.
Das änderte sich schlagartig, als Live-Schlagzeuger Paul Färber (KARG) die Szene betrat und uns mit erhobener Faust willkommen hieß, was sich sofort im Jubel des Publikums bemerkbar machte. Die anderen Mitglieder ließen nicht lange auf sich warten, und dann ging es auch schon los: Mit kristallklarem Sound (man merkte deutlich die 15 Jahre Erfahrung von HFTS, ganz zu schweigen von den Jahren zuvor mit KARG) fingen die Jungs mit „Calling The Rain“ an.
Reliving The Trauma: Einzigartige musikalische Traumabewältigung:
Bei jedem Song erstrahlte das Neon-Logo der Band, oder schlicht „H F T S“ auf der Bühne in einer anderen Farbe. In Kombination mit dem wirklich gelungenen Lichtspiel von Scheinwerfern und Lasern, dem leichten Nebel, schuf dies eine atemberaubende Atmosphäre, die der ohnehin melancholischen Stimmung der Musik den letzten Schliff verlieh. Mit jedem weiteren Song – und ja, der Name „Trauma“ war Programm – wurde die Stimmung auf der Bühne energischer. Man konnte Säner Michael J.J. Kogler dabei zusehen, wie er sich mit jedem Lied weiter hineinsteigerte. Durch seine Körperbewegungen und Gesten konnte man die Verlustängste und Depressionen, welche das Kernthema des Albums sind, förmlich spüren – hier kommen wir wieder zum bereits erwähnten Theaterstück.
Oftmals legte sich J.J. einfach auf den Bühnenboden, kniete nieder oder warf das Mikrofon weg, was sich durch ein lautes Klonk aus den Boxen bemerkbar machte. Er griff sich verzweifelt in die Haare und ließ seine Körpersprache für Verzweiflung, Elend und Leid sprechen.
Das große Finale des Abends folgte nach dem Ende des letzten Stückes „Dry The River“. Das Geräusch einer durchladenden Pistole ertönte aus den Boxen – zeitgleich machte Kogler die passende Geste mit seiner Hand, setzte sich die Finger an die Stirn und… Peng.
Beim anschließenden Schussgeräusch brach Michael auf die Knie zusammen und das Licht erlischte – absolute Finsternis im ganzen Raum. Als das Licht wieder anging, waren Kogler und alle anderen Bandmitglieder verschwunden. Es wurde noch kurz nach einer Zugabe gerufen, aber schnell wurde klar, dass es keine geben würde. Wer dieses Finale nun etwas merkwürdig findet, der täuscht nicht, fehlte der eigentliche Album Closer „Bury Me“ auf dieser Tour leider gänzlich.
Setlist HARAKIRI FOR THE SKY:
Calling The Rain
Funeral Dreams
Thanatos
This Life As A Dagger
The Traces We Leave
Viaticum
Dry The River
Der Abend war beendet, und unter den Menschen hörte man nichts als begeisterten Zuspruch. Und wer weiß, vielleicht gibt es ja irgendwann ein Live-Album oder gar einen Stream zu diesem Abend, denn Kameraleute schwirrten jedenfalls genug umher.
Autorin & Fotos: Bianca Ully


