Das Nova Rock 2026 zeigte sich von seiner ganzen Bandbreite. Zwischen Gewitterwarnungen, brütender Hitze, aufgewirbeltem Staub und kurzen Regenschauern boten die Pannonia Fields einmal mehr den Schauplatz für vier Tage Ausnahmezustand. Und dennoch wirkte das Festival so entspannt und harmonisch wie selten zuvor. Gemeinsam mit tausenden Musikfans war auch das Earshot-Presse-Team an allen vier Tagen vor Ort, um sich durch das LineUp zu hören – von regionalen Newcomer Acts über langjährige Szenegrößen bis hin zu den aktuell größten Namen der Rock- und Metalwelt.
Bereits die Anreise verlief erfreulich unspektakulär. Trotz der großen Besucher*innen-Anzahl funktionierte die Organisation nahezu reibungslos. Chapeau an das Organisationsteam. Lediglich auf den Zufahrtsstraßen rund um Nickelsdorf machte sich das hohe Verkehrsaufkommen durch kurze Staus bemerkbar.
Kaum auf den Pannonia Fields angekommen, beeindruckte die Dimension des Festivalgeländes erneut wie beim ersten Mal. Auch wer bereits mehrfach hier war, kann sich dem Gefühl kaum entziehen, jedes Jahr aufs Neue von der schieren Größe des Geländes verzaubert zu werden.
Die ersten Opening Acts verpassten wir ob der Anreise zwar knapp, dafür führte uns der erste musikalische Stopp direkt zur Red Stage, wo LEMO den Festivaldonnerstag für uns eröffnete. Zugegeben: Auf dem Papier wirkte diese Buchung zunächst etwas ungewöhnlich. Live erwies sich der Wiener Musiker jedoch als echte Überraschung. Mit viel Charme, Selbstironie und einem auffälligen gelben Anzug, über den er selbst scherzte, lieferte er eine mitreißende Performance ab. Die gute Stimmung vor der Bühne zeigte schnell, dass LEMO auch auf einem Rockfestival bestens funktionieren kann.
Direkt im Anschluss blieb kaum Zeit zum Durchatmen, denn mit BILMURI wartete bereits der nächste spannende Programmpunkt. Das Projekt von Johnny Franck brachte eine ungewöhnliche Mischung aus Alternative Rock, Country Elementen und Saxophonklängen auf die Bühne. Besonders die Saxophonistin sorgte zunächst für einige fragende Gesichter im Publikum. Mit fortschreitender Spielzeit entwickelte sich genau diese ungewöhnliche Kombination jedoch zu einem der interessantesten Aspekte. Nicht alles davon muss man lieben, aber Kreativität und Mut zur Innovation kann man BILMURI definitiv nicht absprechen. Earshot-Kollege Florian Rosenberger hat noch weitere Gedanken zum BILMURI Set festgehalten:
[Daniela]
Ich kann mich noch gut an meine erste Nova Rock-Band im Jahr 2007 erinnern. Damals stand ich am Nachmittag an der Red Stage bei PAPA ROACH, die mir heuer am Sonntag als Co-Headliner vor BRING ME THE HORIZON zeigten, dass sie nach 20 Jahren nicht nur ihre Fanbase behalten haben, sondern auch für die neue Generation relevant sind. Dieses Jahr hatte ich meinen Nova Rock-Start bei BILMURI, dessen Name sich auf den Schauspieler Bill Murray bezieht. Bei BILMURI kann ich mir gut vorstellen, dass er sich auch in Europa auf Festivals etablieren kann. Denn welches musikalische Feuerwerk der authentische amerikanische Künstler auf die noch nicht so zahlreich erschienenen Anwesenden losgelassen hat, war gewaltig – einige haben ihn sicher schon 2024 als Support von SLEEP TOKEN in der Linzer TipsArena gesehen. Stimmlich war er mit seiner Begleitsängerin Gabi Rose absolut top und haute einen fetten Track nach dem anderen heraus – mit modernen und auch harten Sounds. Die Sängerin brillierte zudem am Saxofon, aber auch an der Querflöte. Am besten fand ich jedoch das Auftreten von BILMURI selbst, das jedem Schönling-Klischee (siehe Andy Biersack von den BLACK VEIL BRIDES) widerspricht – und dass er sich selbst nicht zu ernst nimmt, was seine witzigen Videos belegen. Man hatte den Eindruck, dass sie gerade von der Arbeit auf einer amerikanischen Farm direkt auf die Bühne gekommen sind: als hätte BILMURI im Longsleeve mit kurzer Hose eben noch an einem Traktor geschraubt und Gabi Rose mit Kopftuch gerade eine Kuh gemolken. Für BILMURI kann ich eine absolute Empfehlung aussprechen und werde ihn mir bei Gelegenheit sicher wieder reinziehen.
[Florian Rosenberger]
Nach einigen Songs zog es uns weiter zur Blue Stage, wo BLACK VEIL BRIDES auf dem Programm standen. Mein früheres Emo-Ich konnte sich diesen Auftritt natürlich nicht entgehen lassen. Wobei die Frage erlaubt sein muss: Sind BLACK VEIL BRIDES heute überhaupt noch Emo? Musikalisch bewegt sich die Gruppe deutlich zwischen modernem Hard Rock und zeitgemäßem Alternative Rock, ohne dabei ihre markante Glam Rock Ästhetik aufzugeben. Die Emo-Zuschreibung ergibt sich wohl eher rein aus der (früheren) optischen Ästhetik und der Szene-Wurzeln. Frontmann Andy Biersack präsentierte sich stimmlich in Bestform und nutzte die gesamte Bühne mit beeindruckender Präsenz. Auch die Interaktion mit dem Publikum kam nicht zu kurz. Für einen unterhaltsamen Moment sorgte ein Fan im Bananenkostüm, den Biersack entdeckte und spontan mit den Worten „We love banana suits – bring more!“ kommentierte. Musikalisch lieferten BLACK VEIL BRIDES eine solide Show ab, die Spaß machte, für einen frühen Nachmittagsslot jedoch nicht ganz die großen Ausrufezeichen setzen konnte.
[Daniela]
Setlist BLACK VEIL BRIDES:
Knives And Pens
Bleeders
Hallelujah
Vindicate
Certainty
Wake Up
Revenger
Faithless
The Legacy
In The End
Die Sludge-Titanen MASTODON hatten in den letzten Jahren echt keine leichte Zeit. Zunächst trennten sich die Herren aus Georgia überraschend nach 25 Jahren von Brent Hinds, der neben Troy Sanders seit jeher mit seinem prägnanten Gesang und seinem Gitarrenspiel Aushängeschild der Band war. Kurz darauf erreicht alle die traurige Nachricht dass der erst 51-jährige Musiker bei einem Motorradunfall ums Leben kam.
Doch MASTODON gaben nicht auf, holten sich mit dem bisher unbekannten Nick Johnston Ersatz und veröffentlichten kürzlich zum Gedenken an Brent die Single „You Ghost Again“. Ein Hymnisches Sludge-Monster, das auch an diesem Nachmittag live ein würdiges Zeichen setzte. Troy zeigte sich ebenso wie Drummer Brann Dailor, der auch immer wieder Gesangsparts übernahm, stimmgewaltig und mit guter Laune. Die ganze Band zeigte sich sowieso mit mächtigem Sound routiniert und eingespielt wie eh und je. Brecher wie „Tread Lightly“, „Black Tongue“ oder das abschließende „Blood And Thunder“ zeigten die große Bandbreite von MASTODON eindrucksvoll vor und so war es auch nicht verwunderlich, dass man abgesehen von einer Videowall mit Visuals nicht großartig viel KlimBim braucht, sondern die mächtige Musik für sich sprechen lassen kann und darf.
[Max]
Setlist MASTODON:
Tread Lightly
The Motherload
Your Ghost Again
Crystal Skull
Black Tongue
Megalodon
More Than I Could Chew
Crack The Skye
Mother Puncher
Steambreather
Blood And THunder
Während MASTODON auf der Blue Stage die härteren Töne anschlugen, lockte auf der Red Stage bereits die nächste Legende: TOM MORELLO. Der Gitarrist von RAGE AGAINST THE MACHINE und AUDIOSLAVE zählt seit Jahrzehnten zu den innovativsten Musikern seines Fachs und zeigte eindrucksvoll, warum das bis heute gilt. Politische Botschaften gehörten in alter TOM MORELLO Manier natürlich ebenso zum Programm wie musikalische Höchstleistungen. Besonders stark geriet seine Interpretation von OZZY OSBOURNEs „Mr. Corlwey“, die gleichzeitig als Hommage an die verstorbene Metal Ikone verstanden werden konnte. Auch SYSTEM OF A DOWN Frontmann Serj Tankian erhielt eine Erwähnung, mit dem MORELLO seit vielen Jahren politisch und musikalisch verbunden ist.
Mehrfach holte MORELLO seinen Sohn Roman Morello auf die Bühne und gab ihm Raum, sein eigenes Können auf der Gitarre unter Beweis zu stellen. Das musikalische Talent liegt offenbar in der Familie. Sehr beeindruckend!
Setlist TOM MORELLO:
Soldier In The Army Of Love
Adjourn It
Let’s Get The Party Started
Hold The Line
Everything Burns
Mr. Crowley
The Cost Of Tom Joad
Bombtrack/Know Your Enemy/Bulls On Parade/Guerilla Radio/Sleep Now In The Fire/Bullet In The Head/Cochise
Like A Stone
Killing In The Name
Power To The People
Weniger überzeugend verlief anschließend der Auftritt der SEX PISTOLS gemeinsam mit FRANK CARTER. So groß der Einfluss der Punk Pioniere auf die Musikgeschichte sein mag, an diesem Nachmittag wollte der Funke nur selten überspringen. Selbst der energiegeladene und sympathische FRANK CARTER konnte dem Set nur phasenweise Leben einhauchen. Bereits die ungewöhnlich lange Vorstellung der einzelnen Bandmitglieder bremste den Auftritt merklich aus. Auch die folgenden Songs sorgten eher für verhaltene Reaktionen. Spätestens beim Versuch von FRANK SINATRAS „My Way“ gingen die Meinungen endgültig auseinander. Der Respekt vor dem Vermächtnis der SEX PISTOLS bleibt unbestritten. Gleichzeitig stellte sich bei diesem Auftritt jedoch die Frage, ob manche Kapitel nicht besser geschlossen werden sollten.
[Daniela]
Ganz ehrlich, das war wirklich überhaupt nix. Eine Band, deren Ruhm 50 Jahre zurück liegt, hat auf so einem Festival eigentlich nichts verloren. Hier war weder Kult, noch irgendwie Energie zu spüren. Alte Herren, die ihre paar Hits runterschrubbeln und dabei nicht sonderlich adrett wirkten. Aber naja, Haken drunter, hat man nun halt auch mal gesehen.
[Max]
Deutlich überzeugender präsentierten sich anschließend TRIVIUM. Für uns lieferten sie den stärksten Auftritt des gesamten ersten Festivaltages ab. Ihre Mischung aus Metalcore, Thrash Metal und Melodic Death Metal funktionierte einfach perfekt, die Setlist saß und die Band wirkte von der ersten bis zur letzten Minute hochmotiviert.
Besonders Frontmann Matthew Heafy überzeugte mit seiner sympathischen Art und einer starken Bühnenpräsenz. Zwischen den Songs suchte er immer wieder die Nähe zum Publikum und zeigte sichtbar, dass er den Abend genoss. Die Songs entwickelten eine enorme Dynamik, die das Publikum förmlich mitriss und das schon von Beginn an. Das Set wurde eröffnet mit „Pull Harder On The Strings Of Your Martyr“ worauf direkt „Strife“ folgte und die ersten Crowdsurfer*innen über die Köpfe getragen wurden. Das Set nahm einen würdevollen Abschluss mit „The Heart From Your Hate“ bevor sich TRIVIUM mit „In Waves“ kraftvoll von der Blue Stage verabschiedeten. Zusätzlich nutzten TRIVIUM die Gelegenheit, um eine kommende Europatour sowie neues Material anzukündigen. Ein Auftritt, der definitiv noch lange nachhallen wird.
Setlist TRIVIUM:
Pull Harder On The Strings Of Your Martyr
Strife
A Gunshot To The Head Of Trepidation
The Sin And The Sentence
Down From The Sky
Until The World Goes Cold
Like Light To The Flies
Silence In The Snow
Throes Of Perdition
Catastrophist
The Heart From Your Hate
In Waves
Den Abschluss auf der Red Stage bildeten schließlich BAD OMENS. Kaum eine Band wird aktuell innerhalb der Rock- und Metalszene so intensiv diskutiert und gleichzeitig so stark gestreamt wie das Quartett rund um Frontmann Noah Sebastian. Die Kombination aus modernen Metalcore Elementen, elektronischen Einflüssen, eingängigen Melodien und atmosphärischen Breakdowns funktioniert offensichtlich nicht nur auf Streamingplattformen, sondern auch live hervorragend.
Schon vor Beginn ihres Sets war die Erwartungshaltung in der Crowd deutlich spürbar. Vor der Bühne drängten sich die Fans dicht an dicht, die teilweise schon seit dem frühen Nachmittag auf den Auftritt warteten. BAD OMENS schafften es dann mühelos, diese Erwartungen zu erfüllen und gaben neben „The Drain“ und „V.A.N“ vom aktuellsten Album zumindest auch einen Song („Glass Houses“) von ihrem Debütalbum zum Besten. Zum Abschluss durfte natürlich „Dethrone“ nicht fehlen – der Song von BAD OMENS, der mich immer noch am stärksten an BRING ME THE HORIZON erinnert.
Besonders beeindruckend war auch die visuelle Umsetzung der Show. Lichtdesign, Projektionen und die gesamte Produktion verliehen dem Auftritt eine fast cineastische Atmosphäre. BAD OMENS bewiesen eindrucksvoll, dass ihr aktueller Hype keineswegs unbegründet ist. Die Band wirkte auf der großen Bühne absolut zuhause und bestätigte ihren Status in der Rock- und Metalszene.
[Daniela]
Setlist BAD OMENS:
Specter
Glass Houses
The Drain
The Death Of Peace Of Mind
Dying To Love
Concrete Jungle
Nowhere To Go
Limits
Artificial Suicide
V.A.N
Left For Good
What It Cost
Like A Villain
Just Pretend
Impose
Dethrone
Den Headliner des ersten Abends mimten VOLBEAT. Vom Elvis-Metal Geheimtipp über ein kleines Phänomen bis hin zu Metal Superstars haben sich Michael Poulsen und seine mittlerweile immer mal wieder wechselnde Mannschaft, in der sich sogar lange ANTHRAX‘ Rob Caggiano befand, eine große Fanbase auch außerhalb ihres anfänglich angepeilten Genres erspielt. Die Herren waren auch an diesem Tag überaus routiniert. Und genau das ist auch das Wort, das irgendwie VOLBEAT nicht mehr so spannend macht. Poulsen liefert ab, ja. Hat Freude daran und die Fans feiern, doch dieses Einzigartige hat man über die Jahre etwas verloren und bietet statt kreativen Krachern wie einst „The Human Instrument“, welches souverän den Abend eröffnete oder das fetzige „Sad Man’s Tongue“, welches die Jungs damals berühmt machte, sowie das funky „Still Counting“, welches eher gegen Ende mitgeträllert wurde inzwischen eher Verlässlichkeit und Routine als Wagnisse und Kreativität.
Eine Show ohne echte Highlights, mit guter Stimmung, aber irgendwie fadem Beigeschmack. Zumindest zeigte sich der Fronter gut aufgelegt, zu Scherzen bereit und wirkt nach wie vor sehr bodenständig und sympathisch. Musikalisch war halt aber leider dann zwischendurch mit den neueren, teils eher generischen Songs, die den Elivs-Metal vermissen lassen und eher wie gute Stadion-Rocker oder einfache Metalsongs darstellen, die Luft etwas raus. Doch das sollte alles gar nicht so arg negativ klingen, aber vielleicht als Fan der ersten Stunde etwas wehmütig, denn VOLBEAT sind starke Headliner und passen mit ihrem heutigen Stil durchaus ganz gut als Headliner auf’s Nova Rock und zum jüngeren Publikum, denn auf Old-School Festl, wo die Jungs ihre ersten Erfolge feiern durften. Und so endete der erste Nova Rock Abend routiniert, unterhaltsam und mit viel Gehüpfe, Getanze und lauten Fanchören. Also wahrscheinlich dann doch alles richtig gemacht.
[Max]
Setlist VOLBEAT:
The Human Instrument
Lola Montez
Demonic Depression
Fallen
Ring Of Fire
Sad Man’s Tongue
The Devil’s Bleeding Crown
By a Monster’s Hand
Guitar Gangsters & Cadillac Blood
In The Barn Of The Goat Giving Birth To Satan’s Spawn In A Dying World Of Doom
Heaven nor Hell
Shotgun Blues
The Devil Rages On
Time Will Heal
Black Rose
Die To Live
Seal The Deal
For Evigt
Still Counting
A Warrior’s Call / Pool Of Booze, Booze, Booza
Damit endete der erste Festivaltag schließlich schneller als gedacht. Wie jedes Jahr stellte sich die gleiche Erkenntnis ein: Man hetzt von Bühne zu Bühne, entdeckt neue Lieblingsbands, trifft alte Bekannte, neue Gleichgesinnte, sucht sich ein Bier oder was zu Essen, verpasst gleichzeitig dadurch andere Highlights und fragt sich am Ende trotzdem, wie die Zeit so rasend schnell vergehen konnte. Und am Ende hat man eigentlich nichts verpasst, denn man hat das Nova Rock einfach erlebt, egal welche Bands oder wieviele ihrer Songs man lauschen konnte.
Autor*innen: Daniela Krebelder, Florian Rosenberger, Max Wollersberger
Fotos: Anthony Seidl
